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| 18:17 Uhr

Briesener Bleienten sind "Demografie-Beispiel des Monats"
Besser als Baywatch

„Berta“, das Maskottchen der „Briesener Bleienten“, ist immer mit dabei. Auch am Samstag, wenn im Schwimmbad Briesen das Neptunfest stattfindet (13 Uhr).
„Berta“, das Maskottchen der „Briesener Bleienten“, ist immer mit dabei. Auch am Samstag, wenn im Schwimmbad Briesen das Neptunfest stattfindet (13 Uhr). FOTO: LR / Steven Wiesner
Briesen . Die „Briesener Bleienten“ haben ihr Schwimmbad gerettet und wurden nun als „Demografie-Beispiel des Monats“ ausgezeichnet. Weil sie sich selbst geholfen haben. Alles können sie aber nicht alleine regeln. Von Steven Wiesner

Der kleine Leo ist kräftig am Planschen. Er springt vom Beckenrand, macht Köpper, die für einen Fünfjährigen mehr als tadellos sind, und krault fröhlich durchs kühle Nass. Dass der kleine Knirps sich heute in seinem Heimatort, etwa 30 Autominuten von Lübben entfernt, vergnügen kann und zum Baden nicht etwa zehn Kilometer weiter nach Golßen oder gar an den Rand von Berlin nach Wildau gefahren werden muss, hat er einzig und allein den „Briesener Bleienten“ zu verdanken. Eine Initiative von Einheimischen, die das Dorfschwimmbad vor der Schließung bewahrt – und ein beispielloses Symbol für das Ehrenamt geschaffen hat.

Zwei Jahre ist es her, dass Virginie Hoppe vom Briesener Dorfclub zum Gespräch gebeten wurde vom Bürgermeister. Die Quintessenz der Unterredung: Wenn sich nicht bald ein Rettungsschwimmer findet, muss das Schwimmbad in dem Ortsteil von Halbe im Landkreis Dahme-Spreewald geschlossen werden. „Ich habe sofort ein paar Leute zusammengetrommelt, und fünf Minuten später saßen wir in der Gaststätte, um zu überlegen, wie wir das verhindern können“, sagt Hoppe. Die Sache war ziemlich schnell klar: Hoppe & Co. mussten sich alle selbst zum Rettungsschwimmer ausbilden lassen. Eine andere Möglichkeit, das Bad zu retten, gab es nicht.

Die Briesener Bleienten. Demnächst könnte die Riege durch drei junge Anwärter verstärkt werden, die gerade Prüfungen zum Rettungsschwimmer ablegen.
Die Briesener Bleienten. Demnächst könnte die Riege durch drei junge Anwärter verstärkt werden, die gerade Prüfungen zum Rettungsschwimmer ablegen. FOTO: Susann Fischer

Auch in Susann Fischer fand Hoppe eine Verbündete, die nicht tatenlos dabei zusehen wollte, wie das seit mehr als 40 Jahren bestehende Kulturgut vor sich hin vegetiert. Für Fischer ist das Freibad nicht einfach nur ein Swimming Pool, sondern „der Herzschlag des Dorfes“. Von allen Bewohnern, die mit der Idee konfrontiert wurden, blieb letztlich ein gutes Dutzend, um sich in die Obhut des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) zu begeben.

Was Ausbilder Sascha Swade dann vorfand, war selbstredend kein Adonis-Athlet mit Baywatch-Figur, sondern mitunter eher der Typ nette, runde Tante von nebenan. „Daher ja auch der Name“, flachst Susann Fischer. „Wir dachten, wir gehen unter wie die Bleienten.“ Virginie Hoppe lacht: „Ich bin früher auch erst mit dem rechten und dann mit dem linken Zeh ins Wasser.“ Doch acht Wochen später hatte Swade aus den Hobbyschwimmern eine Garde von Wasserpolizisten gemacht, die alsbald sogar Angebote vom Tropical Islands bekam. Das, was sich da zusammengerauft hatte, war ohnehin viel wertvoller als durchtrainierte Sixpack-Träger. „Rettungsschwimmen ist nicht nur Baywatch, auch im Alter und vor allem in der Gruppe kann man noch vieles schaffen“, betont Hoppe. Sogar eine 76-jährige Seniorin engagiert sich bei den Bleienten. „Ich habe selten eine so hochmotivierte Truppe erlebt“, sagte Ausbilder Swade vor zwei Jahren.

Seitdem betreiben die Bleienten das Schwimmbad in dem 300-Einwohner-Ort in Eigenregie. Ehrenamtlich. In ihrer Freizeit. Neben ihren normalen Jobs. Sie organisieren sich in Schichten, um in der dreimonatigen Saison von 15 bis 18 Uhr am Beckenrand sitzen und wachen zu können. Wenn möglich, täglich.

Das Wirken der Bleienten hat sich längst über die Dorfgrenzen hinaus herumgesprochen. Vergangene Woche sind sie sogar von der Staatskanzlei Brandenburg prämiert worden als „Demografie-Beispiel des Monats“. „Das Engagement ist beeindruckend“, sagte Staatssekretär Martin Gorholt. „Sie haben auf ihre eigenen Kräfte gesetzt und eine Lösung gefunden, um den Badebetrieb aufrechtzuerhalten.“

Doch die Selbsthilfe stößt zuweilen an Grenzen, die Bleienten sind auch auf fremde Unterstützung angewiesen. „Wir brauchen eine Website, haben aber niemanden, der uns helfen und das finanzieren kann“, sagt Virginie Hoppe. Und die wohl größte Baustelle des Freibades ist das Nichtschwimmerbecken, das vor ein paar Jahren stillgelegt wurde, weil die Technik in einem überholungsbedürftigen Zustand ist. „Dafür wären rund 130 000 Euro vonnöten, die wir nicht ohne Spenden aufbringen können“, bedauert Virginie Hoppe. „Solange sind wir nur ein halbes Schwimmbad.“

Auch mit nur einem Becken zählen die Bleienten stolze 2000 Badegäste pro Saison, denen sie auch Schwimmunterricht geben und Abzeichen wie das Seepferdchen abnehmen. Auch Leo hat hier Schwimmen gelernt. Susann Fischer und Virginie Hoppe beobachten den Kleinen und sagen: „Das macht Laune, wenn du die Fortschritte siehst.“ Es sind solche Momente, in denen sie realisieren, was sie da eigentlich erreicht und erschaffen haben.