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Börnichener Werk mit Weltruf feiert

Einst waren im Lübbener Spreewerk 823 Mitarbeiter in Lohn und Arbeit. Heute sind es noch 100 Menschen, die auf dem 184 Hektar großen Areal nordöstlich der Kreisstadt arbeiten. Am 2. Juni werden jetzige Angestellte und frühere Beschäftigte gemeinsam den 50. Jahrestag der Gründung ihres Werkes feiern. In der Geschichte des Betriebes sind immer wieder Brüche und Neuanfänge zu finden. Der schwerste Schicksalstag wird sich 2007 zum fünften Mal jähren. Von Torsten Richter

„Eins können Sie mir glauben: Die Ereignisse vom 12. November 2002 stecken uns noch heute mächtig in den Knochen“ , sagt Dr. Gert von Wickede, seit dem Jahr 1996 Geschäftsführer der Industriepark Spreewerk Lübben GmbH, nachdenklich. Damals kamen vier seiner Mitarbeiter aufgrund mehrerer Bombenexplosionen ums Leben. Die Ursache ist seinen Aussagen zufolge bis heute nicht genau geklärt. Zum fünften Mal jährt sich der Unglückstag in diesem Jahr. Auch ihn will von Wickede in seiner Festansprache, die er am kommenden Sonnabend anlässlich des 50. Jahrestages des Spreewerkes halten wird, erwähnen. Trotzdem weiß er: „Wir gehen mit Sprengstoff um. Eine Restgefahr kann dabei nie gänzlich ausgeschlossen werden.“

Munition für Armeen
Sprengstoff und Munition spielten beim Spreewerk schon immer eine führende Rolle. Als am 1. Mai 1957 von der DDR-Regierung die Anordnung erging, den Betrieb unweit des namensgebenden Flusses zu gründen, ahnte wohl niemand, dass inmitten monotoner Kiefernheide zunächst Munition für die Nationale Volksarmee (NVA) und die Armeen des Warschauer Paktes hergestellt wurde. Nach 1990 dagegen mussten die selbst hergestellten Produkte im gleichen Werk wieder vernichtet werden.
Vier Jahre dauerte laut von Wickede der Aufbau des Spreewerkes. Die Vorgeschichte des eigentlichen Betriebes begann hingegen bereits im vorletzten Jahr des Zweiten Weltkrieges. „1944 fingen Kriegsgefangene mit dem Aufbau an“ , erzählt Gert von Wickede aus alten Aufzeichnungen. Was das Unternehmen einmal herstellen sollte, sei heute nicht mehr genau bekannt. Wahrscheinlich war ein Zulieferbetrieb für das Rüstungswerk im benachbarten Krugau geplant. Durch das Kriegsende und die neuen Verhältnisse lagen die bereits errichteten Gebäude fast eineinhalb Jahrzehnte brach. Vier Jahre nach der Anordnung zum Werksaufbau wurde ab 1961 mit 60 Mitarbeitern die Munition für Kalaschnikow-Gewehre in Börnichen 99, so die Hausanschrift, produziert. Laut dem heutigen Geschäftsführer besaß das Spreewerk damals eine eigene Maschinenentwicklung und Fertigung sowie eine hausinterne Elektronikabteilung. Schon in den 60er-Jahren zählte der Betrieb zu den größten Arbeitgebern im Kreis Lübben. Um das Jahr 1985 erfolgte die Installation neuer Rotormaschinen sowie der Aufbau einer neuen Werkshalle.

Immer ums Werk gekämpft
Schwere Zeiten brachen für das Spreewerk mit der politischen Wende 1990 an. „Ich beneide meine Vorgänger nicht“ , sagt Gert von Wickede. Sämtliche Verträge seien damals gekündigt und daraufhin die gesamte Produktion eingestellt worden. „Ich bewundere die Spreewerker. Sie haben nie aufgegeben und immer um ihren Betrieb gekämpft“ , sagt von Wickede anerkennend. Vor allem die damaligen Geschäftsführer Heinz Schulz und Siegfried Kynast hätten die Grundsatzentscheidung zur zukünftigen Funktion als Munitionsentsorgungsbetrieb getroffen. Mit dem Kauf des Werkes durch die US-amerikanische „General Atomics Gruppe“ im Jahr 1992 sei es wieder bergauf gegangen. Die ersten Aufträge hätten nicht lange auf sich warten lassen. Knapp 70 000 von insgesamt 180 000 Tonnen vernichteter NVA-Munition sind laut von Wickede im Spreewerk entsorgt worden. Am 1. April 1995 ging die Verbrennungsanlage in den Dauerbetrieb.
„Heute hat das Spreewerk viele Kunden aus aller Welt. Wir genießen nämlich einen hervorragenden Ruf“ , berichtet der Geschäftsführer von seinen Partnern aus England, den USA, China, Südafrika.
Der bislang größte Auftrag sei im Jahr 2001 aus Taiwan gekommen: „519 Container mussten im Spreewerk entsorgt werden. Die Zahl ,519' vergesse ich meinen Lebtag nicht mehr“ , erzählt Gert von Wickede. Mittlererweile könnten sogar Seeminen mit jeweils einer Tonne Sprengstoff in Börnichen umweltgerecht entsorgt werden.
Pro Jahr erwirtschafte das Spreewerk einen Umsatz von rund zwölf Millionen Euro. „Ich denke, wir halten diese Größenordnung“ , schätzt der Geschäftsführer ein. Er sehe einen zunehmenden Verschrottungsbedarf vor allem bei Panzerabwehr- und Boden-Luft-Raketen. Die jetzigen Bestände der Armeen seien oftmals veraltert.
„Pro Jahr können im Spreewerk rund 15 000 Tonnen Munition entsorgt werden“ , rechnet Gert von Wickede vor. Immerhin sei ihm wohler dabei, „dass gefährliche Kriegswerkzeug zu vernichten, als es selbst herzustellen“ .

Zum Thema Führungen am Sonnabend
 Anlässlich der Jubiläumsfeier zu „50 Jahre Spreewerk“ werden am 2. Juni jetzige und ehemalige Mitarbeiter sowie Lieferanten eingeladen. Auch Ministerin Johanna Wanka hat ihr Kommen zugesagt.
Für Interessierte gibt es laut Geschäftsführer von Wickede ab circa 10.30 Uhr zwei geführte Touren. Dabei können die Verbrennungsanlage und das Spreewerk-Museum besichtigt werden.