ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 02:32 Uhr

Biber breitet sich rasant aus

Ganze Arbeit: Bei Lübben hat ein Biber einen Baum gefällt. Nicht nur Pappeln sind betroffen. Das bedeutet steigende Kosten.
Ganze Arbeit: Bei Lübben hat ein Biber einen Baum gefällt. Nicht nur Pappeln sind betroffen. Das bedeutet steigende Kosten. FOTO: Jörg Wiesner
Lübben. Kahnfährleute berichten von zahlreichen angenagten Bäumen mitten in Lübben. Der Wasser- und Bodenverband hebt die Beiträge an, um Schäden zu beseitigen. Eine Bestandsaufnahme. Ingvil Schirling

Es ist längst kein Geheimnis mehr: Der Biber breitet sich im Spreewald explosionsartig aus. Konservativ geschätzt, geht Arnulf Weingardt vom Biosphärenreservat Spreewald von rund 240 Tieren allein in diesem Bereich aus. Gemeinsam mit einem Kollegen hat er eine Karte erstellt, die die Verbreitung ziemlich genau spiegelt. Von 60 Revieren ist die Rede. Wenn jedes Paar zwei Junge hat, ergibt sich daraus die Zahl 240.

"Der Biber erobert sein lange aufgegebenes Revier zurück", so der Naturschützer ein. "So gute Bedingungen wie im Spreewald findet der Biber nirgends." Die Gehölze bieten genügend Winternahrung, die verzweigten Gebiete Rückzugs- und Eroberungsräume. Das Ende der Entwicklung ist längst nicht absehbar. Bis zu 100 Familien, schätzt Arnulf Weingardt, könnte der Spreewald locker ernähren.

Dass dies Auswirkungen auf die Natur hat, bestreitet er nicht. Längst sind rund um Lübben bis weit hinter Alt Zauche gefällte Bäume und Biberdämme sichtbar. Der Unterspreewald gilt als komplett besiedelt. "Das sieht manchmal schon furchtbar aus", gesteht Weingardt ein. Doch unterm Strich, argumentiert er, sei das "ein Nullsummenspiel". Ob Biber die Pappeln fällen oder der Wasser- und Bodenverband sie aus Gründen der Verkehrssicherung entnehmen muss, komme aufs Gleiche heraus. Das sieht der Verband etwas anders. Auch dessen Mitglieder betrachten die Entwicklung mehr als kritisch. Auf der jüngsten Versammlung musste ihnen Verbandschef Jörg Wiesner nämlich beibringen, dass - auch - des Bibers wegen die Beiträge etwas angehoben werden müssen. Zwar nur um 23 Cent, Tendenz: steigend.

Hintergrund ist, dass der Verband für seine Arbeit an den Gewässern erster Ordnung alle Ausgaben ersetzt bekommt, nicht aber für der zweiten Ordnung. Für deren Pflege und Verkehrssicherung bezahlen Verbandsmitglieder eine Umlage. Und die Einsätze des Bibers wegen mehren sich. Härtester Fall bisher: Bei Freiwalde, nahe der Autobahn, hat eines der Nagetier-Pärchen eine Straße untergraben, um darunter seinen Bau einzurichten. Die Straße brach ein und muss nun vom Amt Unterspreewald saniert werden. Diesen Problembiber hätte der Wasser- und Bodenverband aufgrund des hohen Schadens und der Gefährdung für Verkehrsteilnehmer gern tot gesehen. Doch die Untere Naturschutzbehörde verweigerte die Genehmigung. Wiesner sieht mit Sorge, dass sich die Untere Naturschutzbehörde (UNB) "sehr schwer tut". Auf Grundlage der Biberschutzverordnung von Mai 2015 sind Umsetzungen und Tötungen zwar möglich. Doch die UNB muss die Maßnahmen genehmigen. Und sie steht auf dem Standpunkt, dass es "in Ausnahmefällen, wenn Vergrämungsmaßnahmen und der Fang mit Umsetzung nicht Erfolg versprechen waren, zu einer Entnahme des Bibers unter bestimmten Voraussetzungen kommen" kann. Das liest sich in der Tat sehr zurückhaltend. Aus der Sicht des Arten- und Biotopschutzes sei es grundsätzlich zu begrüßen, wenn eine Tierart, die durch den Menschen in Deutschland und somit auch Brandenburg fast ausgerottet worden ist, wieder zurückkehrt, sagt die Behörde auf LR-Nachfrage weiter. Dass der Biber Schäden verursacht, bestreitet die UNB nicht. Damit müssten die Betroffenen offenbar zurzeit leben.

Die zusätzlichen Ausgaben beim Wasser- und Bodenverband wegen des Bibers sind zwischen 2015 und 2016 von 10 000 auf 24 000 Euro gestiegen. Davon trug 2016 Wiesner zufolge 7000 Euro das Land Brandenburg. Die verbliebenen 17 000 Euro müssen über Beiträge refinanziert werden.

Der zweite Aspekt ist, dass mit der Entsorgung halb oder ganz angefressener Bäume aus Verkehrssicherungsgründen ja auch Mitarbeiter beschäftigt sind, die dann keine Zeit für andere Aufgaben haben. Rückstaue durch Biberdämme beeinflussen zudem den Hochwasserschutz.

Der dritte Aspekt geht im Spreewald am tiefsten. Die Landschaft verändert sich. Die charakteristisch hohen, dichten Bäume über den Wasserläufen werden ausgedünnt. Bei den Kahnfährleuten ist dies ein Thema. "Es ist schon ganz schön extrem", sagt Burkhard Herzke vom Flotten Rudel. Mittlerweile gebe es Biberburgen auch im Lübbener Bereich, nahe der Spreelagune und im Barzlin, Sichtungen am Strandcafé und Schäden an der Liebesinsel. "So schön, wie es ist, solche Tiere zu haben und den Touristen zeigen zu können: das wird ein richtiges Problem", spricht er Schäden an Deichen und Bäumen an. "Der Spreewald ist nunmal eine Kulturlandschaft."