Das Rattern der Zugräder verstummt plötzlich. Bedrohliche Stille. Ein SS-Wachmann reißt die Waggontür auf. Hugo Gryn wird am 5. Juni 1944 nach einer zehnstündigen Zugfahrt von Auschwitz-Birkenau gemeinsam mit 2400 weiteren ungarischen Juden aus den Viehwaggons getrieben und später in Baracken eingepfercht. Nach erster Orientierung stellt der 13-Jährige fest: Der Transport hat soeben den Bahnhof Jamlitz erreicht. Er gehört zum Außenlager Lieberose des KZ Sachsenhausen.

In dem von 1943 bis 1945 bestehenden Lager werden fast 8000 Menschen inhaftiert, überwiegend Juden, darunter zahlreiche Kinder und Jugendliche. "Das Ziel der SS war die Vernichtung durch Arbeit. Die Häftlinge mussten schwerste körperliche Tätigkeiten verrichten, Kasernen bauen und Kiesgruben ausheben", erzählt Lara Schulze. Die Neuntklässlerin präsentiert im Justus-Delbrück-Haus am Bahnhof Jamlitz sehr bewegende Szenen auf der von der Evangelischen Kirchengemeinde Lieberose und Land organisierten Veranstaltung. Sie soll an den ersten Transport jüdischer Häftlinge vor 70 Jahren aus dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau in das KZ-Außenlager Lieberose erinnern. Die Schülerin hat sich im Rahmen einer dreimonatigen Facharbeit mit dem Schicksal von Jugendlichen in Lieberose beschäftigt. "Ich habe Fakten speziell zu diesem Lager recherchiert, da mein Heimatort Jessern nur unweit entfernt liegt", sagt Lara. Ihre gewonnenen Erkenntnisse sind erschütternd: "Bei der Auflösung des Lagers Anfang 1945 wurden mehr als 1300 kranke jüdische Häftlinge ermordet. Nur etwa 500 überlebten", so die Gymnasiastin.

Einer der Überlebenden ist Hugo Gryn. Lara Schulze geht während ihres Vortrags auf das Leben des Zeitzeugen ein, der 1930 im ungarischen Beregszasz geboren, 1944 zunächst nach Auschwitz und dann nach Lieberose deportiert wird. Nach dem Zweiten Weltkrieg nimmt Hugo Gryn in London ein Mathe- und Biologiestudium auf, wird Rabbiner, setzt sich fortan für die jüdischen Belange ein und verstirbt schließlich 1996.

Seine Tochter Naomi Gryn ist während des Vortrags von Lara mit unter den Gästen in Jamlitz. Die britische Autorin und Filmemacherin hat ein historisches Dokument im Gepäck: ihren 1989 gedrehten Dokumentarfilm "Chasing Shadows", der das Leben ihres Vaters in beeindruckenden Bildern zeigt und zum ersten Mal in Deutschland vorgeführt wird. "Ich habe meinen Vater an die Orte seiner Kindheit in der Karpato-Ukraine begleitet", erläutert Naomi Gryn. Sie habe den Film gedreht, um der Herkunft ihrer Familie nachzugehen, die NS-Zeit aufzuarbeiten und "um den Verlust derer spürbar zu machen, die zur damaligen Zeit ihre Angehörigen verloren haben", sagt die Britin.

Herausgekommen ist ein emotionales kleines Meisterwerk, das die etwa 50 Leute im Saal tief berührt. "Ein bewegender Film über ein wichtiges Thema, das nie in Vergessenheit geraten darf", sagt Ursula Meier.