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| 16:37 Uhr

Museum
Düstere märkische Landschaft

Ulrich Baehr während der Ausstellungseröffnung im Lübbener Museum im Gespräch mit den Lübbener Künstlerinnen Monika Schubert und Sibylle Grunert sowie Kreistagsvorsitzendem Martin Wille.
Ulrich Baehr während der Ausstellungseröffnung im Lübbener Museum im Gespräch mit den Lübbener Künstlerinnen Monika Schubert und Sibylle Grunert sowie Kreistagsvorsitzendem Martin Wille. FOTO: Ingvil Schirling / LR
Lübben. Ulrich Baehr wirft einen kritischen Blick ins „Unterholz“ von Geschichte und Politik. Von Ingvil Schirling

So einladend erscheint sie, die „Allee im Winter“, ein Bild von 2011, das seit Sonntag im Lübbener Museum zu sehen ist. Auf den ersten Blick. Doch dann werfen die Gleichförmigkeit der Kiefernstämme, das dick und pastenartig aufgetragene Weiß, die Undurchdringlichkeit am Wegesrand rechts und Links Fragen auf. Was ist unter dem Schnee? Was hinter den Bäumen? Gibt es wirklich nur einen Weg: Stur gerade aus, immer voran, voran? Und was genau macht das für einen Sinn?

Es ist dieser zweite Blick, der die Bedeutung der Arbeiten des kritischen Realisten Ulrich Baehr ausmacht. Die Kunsthistorikerin Dr. Sibylle Badstübner-Gröger, Vorsitzende des Freundeskreises Schlösser und Gärten der Mark, machte das in ihrer Einführung an vielen Beispielen deutlich. Die zweite, kritische Bildebene erhöhe die Realität metaphorisch, erlaube eine Sicht auf die Vielschichtigkeit der Realität im historisch-kritischen Kontext.

Es geht vor allem um die jüngere Vergangenheit. Hinterlassenschaften der Sowjetarmee sind ebenso Thema wie die des Menschen an sich, aber auch die Prägung Brandenburgs durch das Preußentum. Helme, Waffenreste, gleichförmige Kiefernstämme, die sich in einem Moment in Bewegung setzen könnten wie ein Heer gedrillter Soldaten oder eine Kompanie der langen Kerls. So erzeugt der 80-jährige Berliner Künstler nicht nur eine teilweise beklemmende Stimmung. Mindestens wird deutlich, wie viel geschichtlich und individuell Unverarbeitetes in diesen Dickichten lauert. Mehr noch: Die Scheinidylle entlarvt die „Historizität der Landschaft“, wie Sibylle Badstübner-Gröger es nannte und anhand der nackten, kahlen Kiefernstämme, einer militärischen Kompanie gleich, einprägsam erläuterte.

Ulrich Baehr, 1938 geboren, ist seit vielen Jahren von Brandenburg fasziniert. Der Galerie-Mitbegründer, Lehrer, Dozent, preisgekrönte Künstler bewohnt ein altes Pfarrhaus zwischen Gransee und Rheinsberg, malt dort meist in den Sommermonaten. Vor allem aber durchwandert er die Landschaft, „erfährt“ sie mit dem Rad, erkundet sie, um die Licht- und Farbverhältnisse zu erleben. Oft entstehen spontan Skizzen, beschrieb die Kunsthistorikerin den Arbeitsprozess. Während der Umsetzung im Atelier greift Ulrich Baehr auf sein Wissen zurück. Geschichte fließt mit ein, beißt sich im Unterholz fest, lässt Teile undurchdringlich werden. Am Ende hat die „Landschaft“ mit dem konkreten Ort, von dem sie inspiriert wurde, nichts mehr zu tun. Vielmehr berührt sie den Betrachter, lässt ihn nachdenken: Wie gehen wir mit unserer Umwelt um? Sind wir uns der Gräuel des Krieges, ihren auch ganz persönlichen Nachwirkungen bis heute, ausreichend bewusst? Sind wir bereit, etwas oberflächlich Schönes kritisch zu hinterfragen?

Eine Ausstellung, die das Anschauen mehr als lohnt. Die letztere Frage will Corinna Junker vom Lübbener Museum übrigens auch von Kindern beantworten lassen. „Wir planen ein museumspädagogisches Begleitangebot“, kündigte sie während der Ausstellungseröffnung am Sonntagnachmittag an. Dabei soll moderne Kunst, aber auch der kritische Blick auf die Geschichte kindgerecht vermittelt werden. Die Teilnehmer sollen auch selbst Arbeiten fertigen. Das geeignete Motiv liegt vor der Haustür: der Schlangengraben. Oberflächlich betrachtet schön und idyllisch, begrenzt er doch einen Schuttberg, der nichts Geringeres als Kriegstrümmer enthält und heute Lübbens Schlossinsel ist.