Von Ingvil Schirling

Im Kunstraum Spreewald geschehen wundersame Dinge. Da tanzen Gondolieri in verrückten Posen, werden Farben aus Schlamm extrahiert. Das passiert, wenn Kurator Herbert Schirmer einerseits, Queenie Nopper und Jürgen Othmer von der Lübbenaubrücke andererseits zum Symposium einladen. Fünf Brandenburger und vier sächsische Künstler haben sich im Sommer 2018 in Lübbenau getroffen, um sich in der Wasserlandschaft des Spreewaldes mit dem Leitgedanken „Landschaftssicht = Weltsicht“ auseinanderzusetzen. Ergebnisse dieser intensiven Zeit sind seit dieser Woche in der Vertikale-Galerie der Kreisverwaltung am Lübbener Beethovenweg zu sehen.

Die Fließlandschaft hat eine lange Geschichte als Künstlermuse. Sie hat schon viele Generationen von Künstlern inspiriert. „Wir sind ja die Initiatoren des Kunstraums. Deshalb konnten wir dieses Projekt mit Künstlern aus Ecken, die wir noch nicht kannten, gar nicht ablehnen,  um damit auch wieder ,Kunstraum‘ zu schaffen“, ordnet Queenie Nopper ein.

Kurator Herbert Schirmer gab die Richtung so vor: „Das Projekt war nicht dazu da, den Spreewald wie im 19. Jahrhundert romantisch zu porträtieren, sondern dazu, Dinge zu betrachten, die nicht auf der Packungsbeilage stehen.“ Die Risiken und Nebenwirkungen des Spreewalds, wenn man so will.

Was immer der Inhalt der vollen Spreewald-Packung gewesen sein mag: Er wirkte. Oder vielleicht war es die Magie der Landschaft. Jedenfalls hängen in der Vertikale-Galerie nun Bilder mit großer Aussagekraft und Tiefgang, mit Leichtigkeit und Überraschungseffekt, mit mutiger Metaphorik und heiterer Übertreibung.

Letztere sind gleich links vom Eingang zu entdecken und stammen von Helge Leiberg. Der gebürtige Dresdner lebt und arbeitet in Berlin und im Oderbruch und hat überhaupt kein Problem damit, im Spreewald Krokodile auf den Wassern tanzen zu lassen (ein schwarzes und ein rotes, wohlgemerkt), einen überdimensionalen Adler im Beuteflug auf einer Kahnpartie darzustellen oder einen ekstatisch tanzenden Fährmann mit Hund.

Für die mutige Metaphorik zeichnet Micha Brendel verantwortlich. Der Hohendorfer setzte sich intensiv mit dem Thema Verockerung auseinander. Er lud bei Vetschau eine Fuhre ockerfarbenen Spreewaldschlamm auf und fuhr ihn auf sein Gehöft bei Golßen, um ihn dort – getreu seiner künstlerischen Vorliebe für Alchemie – verschiedenen chemischen Experimenten zu unterwerfen. „Ich habe versucht, dem verhassten Schlamm, der in menschlicher Verantwortung steht, eine produktive Seite abzugewinnen.“ So extrahierte er aus der Masse eine breite Palette gelb-ockerfarbener Töne und brachte diese in Form eines Kreuzes zu Papier. Die Versuchsreihe umfasst 36 Teile, von denen neun zu sehen sind, flankiert von den filigranen Fließverästelungen in Braun wie ein Menetekel künftiger Auswirkungen. Das Kreuz fiel als Form aus einer Schachtel, die er am ersten Symposiumstag am Wegesrand fand – manchmal muss man auch auf solche Hinweise hören.

Die Arbeiten Brendels allerdings sind keine Hinweise mehr, sondern legen den Finger tief in die Wunde. Nicht nur in die ökologische, auch in die menschliche. Wie ist es, unter die eigene Oberfläche zu schauen, die der Familie oder des Kollegenkreises, und Dinge ans Tageslicht zu holen, die dort verborgen gären? Durch Nicht-Hinsehen werden Illusionen geschützt, heißt es. Brendel sieht hin. Er formuliert vorsichtig, aber genau – durch Kunst.

Bei der Eröffnung bekam er überraschende Unterstützung. Martin Schulze, Künstler und Grafiker aus Lübbenau, bemerkte zu seinen Arbeiten zwei Dinge: „Lausitzer Ocker“ sei tatsächlich eine Farbe, anerkannt und käuflich erwerbbar – und aus Spreewaldschlamm gewonnen. Außerdem seien bei der Kartierung der wandernden Tagebaue aus der Luft früher genau solche Kreuze verwendet worden, um die Orientierung zu verbessern.

Beobachtungen, die zeigen: Hinsehen macht Dinge greifbar, ermächtigt den Betrachter, indem es das Uneinschätzbare eingrenzt – ohne die Magie zu nehmen. Der Spreewald bleibt mystisch, zauberhaft und wirkt. Seine Risiken und Nebenwirkungen können auch Kunst sein.