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Auf Knien im Dienst der Muschel

FOTO: Berger
Lübben. Anderswo wäre dies eine Trendsportart, neudeutsch als Tough Mudder bezeichnet, als zäher Kämpfer durch einen Marathon von Hindernissen im Schlamm auf Zeit. Torsten Berger und sein Team knieten sich mindestens ebenso hinein – allerdings mehr des Gesetzes wegen – und natürlich aus Liebe zur Muschel. Ingvil Schirling

Zur Großmuschel, um genau zu sein. Hüfttief im Schlamm steckend, wühlten sie sich am Montag und Dienstag durch die trockengelegte Baugrube am Hartmannsdorfer Wehr, sammelten die oben aufliegenden Muscheln nach Sicht, tasteten sich für die meisten der Schalentiere allerdings Quadratmeter für Quadratmeter durch den Schlick.

Die Anstrengung lohnte: 9623 Großmuscheln retteten der Umweltschutztechniker Torsten Berger mit eigenem gewässerökologischem Büro in Potsdam gemeinsam mit seinem Kollegen René Linkohr vom IHC (IPP-Hydro-Consult) Cottbus vor den Bauarbeiten und setzten sie an einer geschützten Stelle flussaufwärts wieder aus. So können sie überleben und sich weiter verbreiten.

Fast 10 000 Muscheln - das ist ein Großfund, den der erfahrene Berger so nicht erwartet hätte, sagte er der LR. Richtig gute Laune hatte er noch am Tag danach, war allerdings auch "fix und foxi" nach vielen Stunden einsinken im Spreeschlamm, sich mühsam herauskämpfen, zum nächsten Quadratmeter robben und weitersuchen. "Da muss im Mann das Kind wach werden, und man muss in der Pampe rühren", sagte er lachend.

Bei Großbaustellen wie der des Prestigeprojekts Wehrneubau in Lübben-Hartmannsdorf müssen die schützenswerten Muscheln gerettet und gesichert werden. Weil die Baugrube trockengelegt werden muss und die Muscheln davon leben, stündlich geschätzte 50 bis 100 Liter Wasser zu filtern, um daraus Algen und organische Partikel für die eigene Ernährung herauszufiltern. Bekommen sie kein Wasser, gehen sie schlicht und ergreifend ein. Die gereinigte Flüssigkeit geben sie danach wieder ab. "Die Muscheln sind die Klärwerke unserer Flüsse", bringt es Torsten Berger auf den Punkt. Dass das Fließsystem des Spreewalds "einer der bedeutendsten Großmuschel-Lebensräume im norddeutschen Tiefland ist", sei zwar bekannt. Doch die hohe Zahl der gefundenen und geretteten Tiere sei selbst dafür überraschend.

Bei einer 2000 Quadratmeter großen Baugrube, die Berger zufolge höchstens zur Hälfte als guter Standort in Frage kam, und fast 10 000 gefundenen Schalentieren entsteht rein statistisch eine Dichte von etwa zehn Muscheln pro Quadratmeter. "Das ist eine gute Zahl." Gefunden wurden stellenweise aber auch rund 200 auf einen Quadratmeter.

Besonders glücklich ist der Umweltschutztechniker, der sich auf Großmuscheln spezialisiert hat, über die 31 gefundenen Bachmuscheln. Die streng geschützte Art hat im Spreewald eines ihrer bedeutendsten Vorkommen. 30 Tiere seien jünger als fünf Jahre gewesen, eine war erwachsen. Mit der Umsiedlung ist die Hoffnung verbunden, dass diese Lebewesen sich von dort aus weiter verbreiten können. Auch die abgeplattete Teichmuschel ist streng geschützt. 170 Exemplare wurden am Hartmannsdorfer Wehr gefunden.

Zum Thema:
Alle sechs Großmuschelarten, für deren Vorkommen die Spree bekannt ist, sind am Hartmannsdorfer Wehr auch nachgewiesen worden. Die beiden streng geschützten Arten Bachmuschel und abgeplattete Teichmuschel waren mit 31 beziehungsweise 170 Exemplaren vertreten. Torsten Berger und sein Team fanden weiter 22 große und 319 gemeine Teichmuscheln, hauptsächlich große Flussmuscheln (8381) sowie exakt 700 Malermuscheln. Für die große Teichmuschel ist die Spree eher ein Randbiotop, sie lebt sonst mehr in stillen Gewässern.