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| 02:43 Uhr

Auf der Suche nach australischen Kriegsgefangenen

Der Besucher aus Sydney brachte Dokumente mit, die den Aufenthalt australischer Kriegsgefangener belegen.
Der Besucher aus Sydney brachte Dokumente mit, die den Aufenthalt australischer Kriegsgefangener belegen. FOTO: Förderverein Garnisonsmuseum Wünsdorf e.V.
Wünsdorf. Das Museum des Teltow in Wünsdorf unterstützt die Forschung nach australischen Kriegsgefangenen im Ersten Weltkrieg. Douglas Grant war einer von ihnen. Der australische Geschichtsforscher Dr. Tom Murray sucht nach weiteren Informationen. Er will einen Dokumentarfilm drehen. Silvio FischerLeiter Museum des Teltow

In den vergangenen 25 Jahren ist viel über die beiden Kriegsgefangenenlager bei Zossen und Wünsdorf geforscht und publiziert worden. Während des Ersten Weltkriegs waren im "Weinberglager" und im "Halbmondlager" vornehmlich muslimische Kriegsgefangene interniert, die aus den Kolonien der Entente-Mächte Großbritannien und Frankreich stammten. Dabei handelte es sich vor allem um Inder und Afghanen, Nord- und Westafrikaner, aber auch um Kasan-Tataren aus dem Russischen Reich. Die muslimischen Gefangenen erfuhren eine besondere Behandlung seitens der deutschen Reichs- und Heeresleitung, die sich davon eine "Revolutionierung" der unter britischer und französischer Kolonialherrschaft lebenden asiatischen und afrikanischen Völker erhofften.

"Nun gibt es konkrete Hinweise, dass sich darunter auch indigene Australier, Aborigines, befanden", erklärt Silvio Fischer Leiter des Museums des Teltow. Der bekannteste von ihnen ist Douglas Grant, der im April 1917 in Frankreich verwundet in Gefangenschaft geriet. "Die Deutschen hielten ihn ob seiner offensichtlich nicht-europäischen Herkunft wohl für einen Inder. Vielleicht gab er sich auch selbst dafür aus oder beließ es, aus welchem Grund auch immer, bei der Einschätzung der Deutschen", erläutert der Museumsleiter. Der genaue Grund dafür ist nicht bekannt. In einem australischen Zeitungsbericht aus dem Jahr 1921 heißt es jedenfalls, man habe ihn für einen Gurkha-Soldaten gehalten.

Dr. Tom Murray, der an der Macquarie-Universität im australischen Sydney zu Medien und Geschichte forscht und lehrt, arbeitet derzeit an einem Dokumentarfilmprojekt zu diesem Thema. Nach einem ersten kurzen Besuch vor zwei Jahren wandte er sich nun per E-Mail an Silvio Fischer, den Leiter des Museums des Teltow in Wünsdorf, um ihn um Unterstützung bei der Fortsetzung seiner Arbeit in diesem sowie im Garnisonsmuseum Wünsdorf zu bitten. Damit traf er auf offene Ohren, sind doch beide Museen sehr an der Erweiterung ihres Wissens um die beiden Lager und die dort vor einhundert Jahren internierten Gefangenen interessiert. In deren Fundus finden sich viele Informationen, Dokumente, Abbildungen und Sammlungsobjekte, die auf Murrays Interesse stießen und durch dessen Arbeit in absehbarer Zeit im fernen Australien bekannt werden.

Andererseits bereicherte er unsere eigenen Forschungen durch Dokumente und seine bisher in Australien gesammelten Erkenntnisse. Insbesondere das Schicksal von Douglas Grant (um 1885 bis 1951) ist gut erforscht. Er wuchs in einer weißen Siedlerfamilie auf, daher sein englischer Name. Grant erhielt die Bildung der weißen Australier, sprach ihre Sprache und wurde im Januar 1916 schließlich Soldat. Seine ethnische Herkunft erwies sich jedoch als hinderlich für eine Karriere beim Militär.

Von Wünsdorf aus unterhielt er einen vergleichsweise umfangreichen Briefwechsel in seine Heimat. Wie andere Gefangene auch befand sich Grant im Wünsdorfer "Halbmondlager" schon bald im Fokus deutscher Künstler, Ärzte, Wissenschaftler und Anthropologen.

Douglas Grant war nicht nur selbst ein exzellenter Zeichner und arbeitete bereits vor dem Krieg in seiner Heimat in diesem Beruf. Er muss auch eine herausragende Persönlichkeit gewesen sein, denn er avancierte schließlich zum Sprecher bzw. Verbindungsmann der indischen Soldaten zum Internationalen Roten Kreuz in der Schweiz und in Dänemark. Kopien entsprechender Dokumente hatte Tom Murray bei seinem Besuch in Wünsdorf in seinem Gepäck.

Im Dezember 1918 wurde Grant zunächst nach England repatriiert und erreichte im Juni 1919 Sydney. Nach seiner Entlassung aus dem Dienst kehrte er ins zivile Leben und zu seiner früheren Arbeit als Zeichner zurück.

Von australischen Toten, die auf der zu den Lagern gehörenden Kriegsgräberstätte Zehrensdorf bestattet worden wären, ist in den entsprechenden Aufzeichnungen nichts überliefert worden.

Dieser deutsch-australische Kontakt bringt nicht nur neues Wissen um das Geschehen vor einhundert Jahren und die Biografien einzelner Personen. Die Beteiligten möchten, dass die Publikation ihrer Kenntnisse in den Wünsdorfer Museen einerseits und in der australischen Filmdokumentation andererseits Wirkung zeigt. Auf diese Art trägt das Schicksal derer, die vor einhundert Jahren 16 000 Kilometer von ihrer Heimat entfernt in Gefangenschaft lebten, hoffentlich ein klein wenig zur Verständigung zwischen den Völkern, Religionen und Kulturen bei!