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| 16:48 Uhr

Weihnachten im Schichtdienst
Tankstelle statt Kamin

 Kathrin Günther (l.) mit ihrer Kollegin Peggy Kurucz. An Heiligabend wird die 23-Jährige aber alleine Dienst haben.
Kathrin Günther (l.) mit ihrer Kollegin Peggy Kurucz. An Heiligabend wird die 23-Jährige aber alleine Dienst haben. FOTO: LR / Wiesner
Heiligabend feiert man mit den Liebsten, nimmt die Bescherung vor und lässt sich von Familie Hoppenstedt unterhalten. Doch es gibt auch Menschen, die währenddessen arbeiten müssen. Menschen wie Kathrin Günther. Von Steven Wiesner

Es ist Weihnachten. Festlicher Abschluss eines jeden Jahres und ursprünglich auch nicht als Kommerz- und Konsummesse gedacht, sondern als Zeit der Besinnlichkeit, in der man zur Ruhe finden, innehalten und genießen soll im Kreise der Liebsten. Es wird gespeist, getrunken und gelacht. Weihnachtsmärkte werden unsicher gemacht. Wenn man nicht sowieso schon zu Hause ist, dann kommt man zu diesem Anlass eben zurück in die Heimat, trifft alte Schulfreunde und Bekannte wieder, berichtet davon, was das Leben so macht, Driving Home for Christmas, man kennt das ja.

Es gibt aber auch Menschen, die die Feiertage und vor allem Heiligabend nicht mit der Familie vorm Kamin verbringen – sondern auf Arbeit. Menschen, die sich den Jahresabend bei der Urlaubsplanung nicht schon vorsorglich freigeräumt haben, um Weihnachten abschalten und entspannen zu können. Menschen wie Kathrin Günther zum Beispiel.

Die 23-Jährige aus Lübbenau lässt sich derzeit bei Aral zur Kauffrau im Einzelhandel ausbilden und muss in diesem Jahr die Heiligabend-Schicht an der Tankstelle in Lübben übernehmen. Von 13.30 bis 22 Uhr hat sie die Aufsicht an der Zapfstelle. Also genau in dem Zeitraum, in dem der Rest der Welt zur Andacht in die Kirche geht, die Bescherung mit der Familie vornimmt, einen guten Braten verputzt oder sich am Abend von Loriot und Familie Hoppenstedt unterhalten lässt. Ein Tag, der in vielen Haushälten nicht nur des Namens wegen eine Art Heiligenstatus genießt und ein stück weit auch unantastbar ist. Ein Tag, an dem Arbeitengehen mehr Aufbürdung denn Normalität ist.

Für viele wäre dieser Tag mit so einer Schicht wohl gelaufen, doch Kathrin Günther kommt gut damit klar, über Weihnachten arbeiten zu gehen. „Ich finde das nicht schlimm“, sagt sie. „Ich habe keine Kinder. Da sollen lieber die Kollegen freimachen, die schon Eltern sind.“ Für sie und ihre Familie ist der Erste Weihnachtsfeiertag eh noch ein bisschen wichtiger als Heiligabend. Von daher verändert sich für sie nicht allzu viel durch ihren diesjährigen Dienstplan. „Am Ersten Feiertag fahre ich dann meistens mit meiner Mama und meinem Bruder zu meiner Oma. Dort sind wir dann zusammen, feiern und machen Bescherung.“ Das machen sie auch in diesem Jahr, wobei die junge Azubine am 25. Dezember zusätzlich auch gleich noch die Nachtschicht im Terminkalender zu stehen hat. Nur 24 Stunden nach ihrer ersten Schicht wird Kathrin Günther dann also von 21.30 bis 6 Uhr wieder hinter der Kasse stehen und die Tankstelle hüten. „Das heißt, ich werde vorher auch noch ein bisschen schlafen.“

Nach dem Nickerchen ist sie dann wieder da für all jene, die vergessen haben, ihren Tankstand vor den Feiertagen zu überprüfen und schnell noch ein paar Liter Benzin nachkippen müssen, um die Verwandten besuchen zu können. Oder diejenigen, die spontan noch einen Kurzeinkauf im Tankstellenshop machen, während die Kaufhallen und Supermärkte geschlossen haben. „Manche Menschen haben auch keine Familie und sind allein“, sagt Kathrin Günthers Kollegin Peggy Kurucz. „Die kommen dann auch hierher und decken sich mit Brötchen, Zigaretten oder Alkohol ein oder wollen kurz mal reden.“

Kathrin Günther jedenfalls wird da sein. „Ich bin eh nicht so der Weihnachtstyp“, sagt sie. „Vielleicht ändert sich meine Einstellung dazu irgendwann einmal, wenn ich Kinder habe.“ Aber im Moment gehört sie nicht zu den Menschen, die die Bedeutung von Weihnachten überhöhen und alles zu Ende zelebrieren müssen. Sie wird sich also auch kaum mit einer Weihnachtsmütze und Last Christmas im Radio in Stimmung bringen hinter der Kasse. „Mich stört die Musik jetzt schon“, lacht sie. „Ich werde hier einen ganz Entspannten machen.“

Ja, es ist Heiligabend, „aber ich glaube nicht mehr an den Weihnachtsmann“, sagt Kathrin Günther mit einem Augenzwinkern und schließt mit dem Satz: „Es ist dann eben doch ein ganz normaler Tag für mich.“