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| 18:28 Uhr

Aus dem Gericht
„Ich lass’ mir nicht den Bauch aufschlitzen“

Ein 19-Jähriger scheiterte bei einem Raubversuch an einem Lübbener Verkäufer. Nun wurde der Täter rechtskräftig verurteilt. Von Ingvil Schirling

Ein leises Geräusch aus dem Verkaufsraum, während man anderswo im Laden zu tun hat. Nichts Ungewöhnliches. Ein Kunde, denkt man, biegt um die Ecke – um unversehens einem 1,90 Meter großen Einbrecher gegenüber zu stehen. Er ist in grau und schwarz gekleidet, hat die schwarze Mütze mit schmalen Augenschlitzen übers Gesicht gezogen. Er hat ein Messer in der Hand. Er will die Kasse. Und er kommt näher.

Diesen Anblick wird der Verkäufer einer Lübbener Drogerie vermutlich sein Lebtag nicht mehr vergessen. Zehn Monate später sitzt er als Zeuge im Verhandlungssaal des Lübbener Amtsgerichts. Er schildert den Hergang, als wäre es gestern gewesen.

„Hier gibt es keine Kasse“, habe er geantwortet und unter den Ladentisch nach einem Holzstiel gegriffen. Damit schlug er den Angreifer – ohne ihn ernsthaft zu verletzen – in die Flucht. Die Polizei nahm ihn nur wenig später fest.

Ein Dreivierteljahr später sind beide wieder gemeinsam in einem Raum, der Verkäufer und der junge Mann, der versuchte, ihn zu berauben. Der Angeklagte nutzt die Gelegenheit, sich zu entschuldigen. „Es war eine Riesendummheit“, sagt er. „Ich hatte nie die Absicht, jemanden zu verletzen.“ Für den Verkäufer sah das an jenem kalten Tag im März 2018 ganz anders aus. „Ich lass’ mir doch nicht den Bauch aufschlitzen.“ Zweimal schildert er seine Angst mit diesem Satz.

Mindestens fünf Jahre Gefängnis stehen auf eine versuchte schwere räuberische Erpressung, wie sie in diesem Fall vorliegt, sagt der Staatsanwalt. Er schlägt vor, den Angeklagten nach Jugendstrafrecht zu behandeln. Auch, weil er eine Geschichte hat.

Diese Geschichte rollt der Richter im Verhandlungssaal durch akribisches Nachfragen auf. Der 19-Jährige antwortet, wenn auch manchmal mit langen Pausen. Berichte und Gutachten aus seiner Behandlungszeit helfen aufzuzeigen, wie er als Kind durch familiär schwierige Zeiten ging, später alkohol- und spielsüchtig wurde. Er begab sich in Lübben in Behandlung. Doch am Entlassungstag geriet er in einen Streit mit seiner Mutter. „Ich war wohl pampig. Sie ist sauer abmarschiert“, sagt er. Wenig später versuchte er, durch das Geld aus der Drogerie-Kasse an Geld zu kommen. „Das war wohl nichts mit einer erfolgreichen Therapie“, sagt ihm der Staatsanwalt auf den Kopf zu.

Doch dieser führt auch Belege dafür an, dass der Angeklagte sich verändert hat. Er versuche jetzt, „etwas zu schaffen im Leben“, so sagt es der junge Mann selbst. Zugute wird ihm gehalten, dass er sofort geständig gewesen war. Er hat eine umfangreiche weitere Therapie gemacht, weiterhin ein Praktikum und ein berufsvorbereitendes Jahr begonnen. Angerechnet wird ihm ebenso, dass es beim „Versuch“ blieb und er niemanden verletzte.

Ordentlich ins Gewissen redet ihm der Staatsanwalt aber auch. Er hätte längst einen Entschuldigungsbrief schreiben können und sollen, hält er ihm vor. Der Verteidiger sieht es nicht anders. Das rechtskräftige Urteil lautet am Ende: zehn Monate auf Bewährung. Zwei Jahre hat der Täter straffrei zu sein, zudem 80 Sozialarbeitsstunden abzuleisten. Er bekommt einen Bewährungshelfer. „Die schädlichen Neigungen sehen wir bei Ihnen nach wie vor“, macht der Richter klar. Nun ist es am Verurteilten zu zeigen, dass er es ernst meint mit seiner Wandlung.