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| 02:38 Uhr

Als sich in Lübben Arbeiter- und Soldatenrat bildeten

Die Novemberrevolution vor 90 Jahren in Deutschland, die das Ende des Ersten Weltkriegs und die Abdankung des Kaisers zur Folge hatte, erreichte am 10. November Lübben. Die damaligen Ereignisse in der Spreewaldstadt schildert Heimathistoriker Rolf Ebert in einer Artikelserie für die RUNDSCHAU. Heute vierter und letzter Teil:

Zurückschauend kann festgestellt werden, dass an einer Nahtstelle der Lübbener Stadtgeschichte, des Übergangs von der kaiserlichen Monarchie zur Weimarer Republik, Soldaten des Jäger-Ersatzbataillons und Lübbener Arbeiter versucht hatten, ihre durch den Ersten Weltkrieg rapide verschlechterten Lebensverhältnisse zu verbessern. Als sie urplötzlich im November 1918 durch aufständische Matrosen, die den Krieg beendeten und die Monarchie beseitigten, in Lübben die Möglichkeit bekamen, sich an der Erneuerung der Gesellschaft zu beteiligen, da waren sie darauf nicht vorbereitet.

Die vielen sozialdemokratisch gesinnten Arbeiter in Lübben, die sich für die Verbesserung der Lebenslage der schwer arbeitenden Bevölkerung in Stadt und Land einsetzten, konnten nur leisten, was im Rahmen der noch existierenden kaiserlichen Gesetze, Verordnungen und polizeilichen Maßnahmen möglich war.

Da sie aber selbst keine Anordnungen oder Weisungen zum Beispiel für die Erhöhung der Lebensmittelrationen geben konnten, blieb ihre Tätigkeit lediglich auf die undankbare Aufgabe der Erfassung und dem Schutz der Lebensmittel sowie der Sicherung des Saatgutes beschränkt.

Der Lübbener Arbeiterrat erreichte, dass die Arbeitszeit der Lehrlinge des Tischlerhandwerks von zwölf auf 8,5 Stunden am Tag gesenkt wurde, was zum Vorbild für alle anderen Lehrlinge in der Stadt wurde. Er ermöglichte, dass sich die politische und gewerkschaftliche Versammlungstätigkeit auch organisatorisch verbesserte und dass in Lübben erstmals Frauen und Jugendliche an den Arbeiterversammlungen teilnehmen und somit für die Lösung gesellschaftlicher Probleme gewonnen werden konnten.

Interessant dürfte in diesem Zusammenhang sein, dass die Vorsteherin der Lübbener Höheren Töchterschule, Frau Hanow, bereits ab Mitte Dezember 1918 die Lübbener Frauen über ihre neuen Rechte informierte. Sie erläuterte das Wahlrecht, das den Frauen durch die Novemberrevolution ermöglicht wurde, den Achtstundentag und die Beseitigung der Gesindeordnung auf dem Lande. Sie warb außerdem in vielen Gesprächen, sich zunehmend an Volksversammlungen zu beteiligen, mitzureden und an der Herbeiführung einer Einheitsschule für alle Kinder in Lübben mitzuwirken.

Bemerkenswert ist auch, dass der Lübbener Magistrat am 21. Dezember 1918 mit dem Argument der durch die Arbeiterräte bewirkten Veränderungen "im Hinblick auf den eingetretenen Waffenstillstand und bald kommenden Frieden und auf die inzwischen eingetretenen Verhältnisse" den Oberpräsidenten der Provinz Brandenburg bat, sich für die Aufhebung der im Juni 1918 erfolgten Beschlagnahme des Paul-Gerhardt-Denkmals einzusetzen. Das sollte wegen seines Buntmetallgehalts zum Einschmelzen abtransportiert werden.

Erst daraufhin teilte am 22. Januar 1919 das Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung dem Lübbener Magistrat mit, dass die Vernichtung des Denkmals nun nicht mehr in Frage komme.

Insgesamt muss festgestellt werden, dass vor 90 Jahren die Lübbener Arbeiter und die in der Stadt stationierten Soldaten aus eigener Kraft heraus nicht in der Lage waren, ihre Lebensverhältnisse zu verbessern. Die meisten von ihnen beteiligten sich aber mit dem Gefühl der Gerechtigkeit und der Überzeugung auf notwendige Veränderungen an den Demonstrationen und Versammlungen, um so mitzuhelfen, einer neuen Gesellschaft mit Frieden, Arbeit und gerechten Löhnen den Weg zu ebnen.