ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 02:49 Uhr

Als sich in Lübben Arbeiter- und Soldatenrat bildeten

Die Novemberrevolution vor 90 Jahren in Deutschland, die das Ende des Ersten Weltkriegs und die Abdankung des Kaisers zur Folge hatte, erreichte am 10. November Lübben. Die damaligen Ereignisse in der Spreewaldstadt schildert Heimathistoriker Rolf Ebert in einer Artikelserie für die RUNDSCHAU. Heute Teil 1:

Als vor 90 Jahren am Sonntag, dem 10. November 1918, ein Trupp Soldaten der Lübbener Garnison des Jäger-Ersatzbataillons mit einer kleinen Militärkapelle und einer roten Fahne durch die Straßen Lübbens marschierte, rissen die erschrockenen Einwohner der Stadt trotz der Kälte die Fenster auf, um zu erfahren, was dieser ungewöhnliche Aufzug bedeute. Jüngere gingen auf die Straße, um diesem Trupp zu folgen, der zum Marktplatz zog und dort Aufstellung für eine Kundgebung nahm. Frauen und Männer eilten herbei, um zu erfahren, was passiert sei.

Die zunächst Stehenden erkannten neben dem Anführer der Truppe, einem Hauptmann, den Landrat des Kreises Lübben, Herrn von Reden und den Bürgermeister der Stadt, Karl Kirsch. Plötzlich ertönte ein Signal. Absolute Ruhe trat ein. Ein Soldat trat auf ein kleines Podest und verkündete den Versammelten, dass sich am Vortage, am 9. November, in der hiesigen Jäger-Kaserne ein Soldatenrat gebildet habe, so, wie das auch in anderen Garnisonsstädten geschehen sei. Dieser Soldatenrat habe in Lübben die Macht übernommen.

Er teilte weiter mit, dass Matrosen aus Wilhelmshaven und Kiel in Berlin die Straßen beherrschten, dass der Kaiser und der Kronprinz auf den Thron verzichtet haben. Eine neue, noch provisorische Regierung, sei gebildet worden. In Lübben beginne nunmehr nach vier Jahren Krieg die Volksfreiheit und die Wiederherstellung des Friedens.

Die Lübbener konnten das kaum fassen: Kein Kaiser mehr? Der Krieg hat ein Ende? Die Soldaten kehrten nach Hause zurück? Hunger und Schlangestehen nach Essbarem sollen vorbei sein? Unfassbar!

Da trat der Landrat von Reden vor und bestätigte die Angaben des Vertreters des Soldatenrates: "Mit dem gestrigen Tage haben, wie überall in Deutschland, auch in Lübben Soldaten die Herrschaft in die Hand genommen." Doch sogleich wies er den Verdacht eines Militärputsches zurück und erklärte, dass noch an diesem Sonntag in Lübben auch ein Arbeiterrat gebildet werde, der Hand in Hand mit dem Soldatenrat die neue Volksfreiheit gestalten werde. Selbstverständlich bleibe er als kommissarisch eingesetzter Landrat weiter im Amt, um die Geschäfte des Kreises ordentlich zu führen.

Karl Kirsch betonte, dass auch er weiterhin seinen Dienst als Bürgermeister versehen würde, um Ruhe und Ordnung in der Stadt zu garantieren. Er versprach, mit den Polizeibeamten das Eigentum der Bürger zu schützen. Die persönliche Sicherheit der Einwohner sei gewährleistet.

Beide Vertreter der bisherigen kaiserlichen Staatsmacht begrüßten die Absicht, dass sich in Lübben anschließend an diese Veranstaltung auch ein Arbeiterrat bilden werde. Zu diesem Zweck marschierte der Soldatentrupp mit der Kapelle und dem Fahnenträger zum Gesellschaftshaus an der Luckauer Straße. Viele Lübbener folgten den Soldaten.

Im Saal der Gaststätte erfolgte die Bildung des Arbeiterrates, dessen Mitglieder spontan durch Zurufe aus der Menge der anwesenden Lübbener nominiert wurden. Dazu gehörten die Sozialdemokraten und Bürger Schulze, Preuß, Voß, Gebauer, Seifert, Warmuth, Michel, der Gerbermeister Keutel und der Lübbener Unternehmer Trüschel. Vorgeschlagen wurde auch, den Rittergutsbesitzer Paschke aus Pretschen einzugliedern, damit einer die bäuerliche Bevölkerung vertrete.