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Als in Stottoff die Kähne vor der Haustür parkten

Die Dorfstraße von Stottoff auf einer Postkarte von 1922.Das Gasthaus von Willy Raspe zu Stottoff anno 1922.Dasselbe Gebäude Stottoff Nr. 16 im Jahre 1990.
Die Dorfstraße von Stottoff auf einer Postkarte von 1922.Das Gasthaus von Willy Raspe zu Stottoff anno 1922.Dasselbe Gebäude Stottoff Nr. 16 im Jahre 1990. FOTO: privat
Nicht nur das einstige Ackerbürgerstädtchen Lübbenau, auch das früher selbständige Dorf Stottoff hat seine Geschichte. Sie lässt sich in Chroniken, Zeitungsausschnitten aber auch in den Schilderungen von Zeitzeugen nacherleben. Von Evelyne Lungwitz

Schon Paul Fahlisch schrieb in der Lübbenauer Stadtgeschichte von 1928: „Wie ein alter Lehnbrief zeigt ist Stottoff sehr alt und wird schon 1315 genannt. Auch im alten Stadtbuch wird es erwähnt, Zu dieser Zeit nannte sich Stottoff noch Stotup. Stottoff soll früher nur aus einzelnen Gehöften bestanden haben. Im 30-jährigen Krieg nach dem Gefecht bei Lübbenau Anfang Juli 1644, in dem das Dorf Boschwitz zerstört wurde, sollen die Bewohner dieser Ortschaft zum größten Teil nach Stottoff geflüchtet sein.“ Seit 1751 hatte das Dorf eine staatliche Schule. Es gab einen Klassenraum auf der einen Seite des Gebäudes. Die andere Seite war die Wohnung des Lehrers.
Die „Dorfstraße“ war ein Graben. Die Stottoffer nannten ihn „Kahnfahrt“ . Man muß sich Stottoff so vorstellen wie heute die Lagunendörfer Leipe und Lehde. In der Chronik aus dem Jahr 2004 steht: „Im Jahr 1913 wurde mit Stimmenmehrheit die Eindeichung beschlossen. Der Deich wurde durch den Reichsarbeitsdienst 1935/36 gebaut. Seither sind einige 100 Hektar Wiesen und Felder nicht mehr von Hochwasser gefährdet“ . Aber auch Spreearme und Gräben sind ausgetrocknet. Im Jahr 1929 wurde Stottoff nach Lübbenau eingemeindet.
In der Ausgabe des „Lübbenauer Tageblatts“ vom 23. Juli 1938 steht: „Einen bedeutsamen Beschluss, nämlich die Zuschüttung des Grabens, fassten gestern die im Gasthaus Hanisch versammelten Besitzer des Ortsteiles Stottoff. Nach Erläuterung des Projektes stimmte man gestern einmütig der Zuschüttung des Grabens zu. Die Umleitung des Wassers erfolgt durch die Aushebung eines neuen Grabens hinter den Stottoffer Gärten. Die hierdurch gewonnenen Erdmassen finden zur Füllung des alten Grabens Verwendung. Die Kosten der Stadt betragen etwa 1100 Mark. Bürgermeister Henke sprach den Anwesenden seinen Dank aus.“
Die heutigen Häuser von Stottoff standen bis 1938 alle „im Wasser“ . Jedes Haus hatte seinen kleinen Steg oder eine Brücke. Jede Familie hatte mehrere Kähne, die im „Gässchen“ am Haus parkten. Das Gebäude Nr. 16 in Stottoff war früher lange Zeit eine Gaststätte, es ist ein Haus mit einer sehr langen und sehr interessanten Geschichte, Im „Lübbenauer Tageblatt“ aus dem Jahr 1900 lädt Schlossermeister Paul Beuche, damaliger Gastwirt, die Lübbenauer zum Tanz in seinem Saal ein. Im Lübbenauer Telefonbuch von 1922 steht unter dieser Adresse Gastwirtschaft Willy Raspe.
Die 1923 geborene Zeitzeugin Liesbeth Jarick kann sich noch sehr gut an dieses Haus erinnern. Gastwirt Adolf Jarick bekam im April 1933 seinen Erlaubnisschein für die Gast- und Schankwirtschaft im Haus Stottoff Nr. 16. Auf dem Hof befand sich in einem Gebäude der Tanzsaal mit einer Bühne.
Ab April 1935 verpachtete er Gastwirtschaft und Restaurant „Zur guten Quelle“ . Ab 1940 wurde das Haus unter anderem als Kindergarten genutzt, aber auch zur Unterbringung von Flüchtlingen. 1945 verkaufte der Gastwirt Adolf Jarick die Gastwirtschaft „Zur guten Quelle“ an seinen Bruder Wilhelm Jarick, der einige Räume und den Tanzsaal von 1946 bis zum 1950 an den Landwirt Karl Stephan verpachtete. Er nutzte die Räumlichkeiten für die Lagerung seiner Feldfrüchte. Hier wurden sie geputzt, sortiert und auch verkauft. 1953 starb Wilhelm Jarick. Der Saal des Hauses Stottoff Nr. 16 wurde von 1953 bis 1962 von der Konsumgenossenschaft genutzt. Ab 1963 pachtete ihn die Kirche „Apostelamt Jesu Christi“ . 1988 wurde das Haus an Familie Ruhle verkauft, der neue Besitzer nahm einige bauliches Veränderungen vor. So wurden 1990 der Haupteingang an dar Vorderseite zugemauert und die ehemaligen fünf Treppenstufen abgetragen.
Ein weiterer Zeitzeuge ist Hans Selten. Er erinnert sich an die ersten Schuljahre. Der Weg bis zur Lübbenauer Knabenschule am Kirchplatz war weit. In den Wintermonaten der Jahre 1933 bis 1942, als tiefer Schnee lag, spitzten die Kinder aus Stottoff die Ohren. Es kam dann oftmals der Pferdeschlitten des Grafen zu Lynar und die Kinder konnten bis zur Schule mitfahren.
Die einzelnen Gehöfte, im Stottoffer Gebiet waren früher nicht eingezäunt. Die Kinder strolchten von einem Gehöft zum nächsten und bewegten sich völlig ungezwungen. Im Dorf ging es auch nach der Eingemeindung zu wie in einer großen Familie. Nachbarschaftshilfe wurde in Stottoff groß geschrieben.