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| 18:26 Uhr

Spreewald-Original
Als dienstältester Nachtwächter im Einsatz

 Der Lübbener Nachtwächter ist ein Spreewald-Original. Er startet seine Rundgänge an der Stadtmauer. Denn Napoleon weilte vor der Völkerschlacht zu Leipzig höchst selbst in Lübben, um die Verteidigung der Stadt gegen die Preußen und Russen zu prüfen.
Der Lübbener Nachtwächter ist ein Spreewald-Original. Er startet seine Rundgänge an der Stadtmauer. Denn Napoleon weilte vor der Völkerschlacht zu Leipzig höchst selbst in Lübben, um die Verteidigung der Stadt gegen die Preußen und Russen zu prüfen. FOTO: 3 N
Lübben. Frank Selbitz feiert mit Weggefährten in Lübben seine Silberhochzeit im Ehrenamt als Spreewald-Original. Der 60-Jährige ist der dienstälteste Nachtwächter in Deutschland. Von Andreas Staindl

Der Lübbener Nachtwächter feiert Silberhochzeit. Seit 25 Jahren ist Frank Selbitz nachts in den Straßen und Gassen der Spreewald-Stadt unterwegs. Der 60-Jährige ist damit der dienstälteste Nachtwächter Deutschlands.

Er hat sein Jubiläum jetzt mit Freunden und Weggefährten gefeiert. Es war rappelvoll im Zwinger vor dem Trutzer-der Nachtwächterstube. Frank Selbitz hatte ursprünglich geplant, sein Buch „Hört Ihr Leut´ und lasst euch sagen – Geschichte(n) der Nacht aus einem Vierteljahrhundert auf Straßen und Gassen der Spreewaldstadt“ vorzustellen. Doch das war nicht möglich. Ihm wurde sein Laptop mit den Aufzeichnungen in Australien gestohlen, wie er sagt. So blieb, und schon das war sehr interessant, eine Lesung aus dem Manuskript des Buches.

 Frank Selbitz versteht es, die Leute mit seinen Versen zu begeistern. Der 60-Jährige feiere kürzlich sein 25-Dienstjubiläum als Lübbener Nachtwächter.
Frank Selbitz versteht es, die Leute mit seinen Versen zu begeistern. Der 60-Jährige feiere kürzlich sein 25-Dienstjubiläum als Lübbener Nachtwächter. FOTO: Andreas Staindl

Frank Selbitz taucht ein in die Geschichte der Stadt Lübben, nimmt die Zuhörer auf unterhaltsame Weise mit. Er setzt seine Worte so geschickt ein, dass sie nicht nur informieren, sondern auch neugierig machen, unterhalten. Das alles in Versform, oft frivol und mit einem Hauch Erotik. Der 60-Jährige versteht es, Dinge auf den Punkt zu bringen, aber auch, die Fantasie der Zuhörer anzuregen.

Mit Lübbens früherem Bürgermeister Lothar Bretterbauer hatte er einen exzellenten Gesprächspartner während der Geburtstagsfeier an seiner Seite. Der verwies darauf, dass Frank Selbitz nicht nur Nachtwächter, sondern auch Weltenbummler und Kommunalpolitiker ist. „Er ist viel in der Welt unterwegs, war und ist als Stadtverordneter geliebt und gehasst.“ In dieser ehrenamtlichen Funktion hatte der 60-Jährige auch für das europäische Nachtwächter-und Türmerzunfttreffen 2007 in Lübben geworben und die Stadtverordneten schließlich überzeugt.

Damals wie auch diesmal in Lübben dabei: Matthias Barth aus Thum im Erzgebirge. Der hatte seine Trompete mit dabei, begeisterte zudem mit Chorälen und würdigte Selbitz: „Er hat seit 25 Jahren viel für Lübben und den Spreewald getan. Und dass eine Stadt einen Nachtwächter und eine Türmerin hat, gibt es nicht so oft in Europa. Lübben hat also etwas ganz Besonderes.“

Lübbens Türmerin Vera Städter war natürlich während der Geburtstagsfeier kürzlich dabei. Während sie die Kreisstadt von oben sieht, zieht der Nachtwächter durch die Gassen. Seit 1936 hatte es das nicht mehr gegeben in Lübben. Seit dem 17. September 1994 setzt Frank Selbitz diese Tradition fort. Tausenden Gästen zeigte er seitdem seine Stadt. Nur zwölf Mal sei er im Regen unterwegs gewesen: „Der Wettergott muss es gut mit mir meinen.“ Und nicht nur der. Gleich am Anfang sei er angegriffen und bedroht worden; Lübbener Handwerker hätten sich schützend vor ihn gestellt.

Einmal habe es Ärger mit einer Gleichstellungsbeauftragten aus den Altbundesländern wegen seiner Verse gegeben, sehr oft aber auch schöne Rundgänge. Etwa mit einem Chor, der sich spontan singend eingebracht habe, und mit blinden Gästen. Mit bis zu 150 Leuten ist Frank Selbitz schon als Nachtwächter unterwegs gewesen. „Ich bin meine Runde aber auch schon allein gegangen, wenn einfach kein Gast da war.“ Diese Konsequenz, dieses Durchhaltevermögen sind es, die Frank Selbitz bis zu seiner Silberhochzeit als historische Figur der Kreisstadt geführt hat. „Jeder Rundgang ist einmalig, etwas ganz Besonderes“, sagt er.

Seit dem Jahr 2000 bietet er auch Nachtwächter-Kahnfahrten an, ist nicht nur auf den Fließen in Lübben sondern inzwischen auch in Schlepzig (Unterspreewald) unterwegs.

Verschiedene Menschen haben ihn auf seinen Rundfahrten und-gängen während der vergangenen 25 Jahre ebenfalls in historischem Gewand begleitet. Frank Selbitz würdigt jeden Einzelnen von ihnen. Dass er selbst einen erheblichen Anteil daran hat, dass der Kahnkorso während des Spreewaldfests stattfindet, erwähnt er fast am Rande. Der 60-Jährige nimmt die Gäste mit in die Anfangszeit seiner Nachtwächter-Rundgänge. Etwa, dass er spontan im Wappensaal auftauchte, kurz bevor dort ein Kulturprogramm begann. Das war 1994 und „die Geburtsstunde des Lübbener Nachtwächters“ – natürlich der Neuzeit.

Hat sich inzwischen Routine eingeschlichen? „Nein“, sagt Frank Selbitz, „ich habe noch immer Lampenfieber“. Und wie schafft er es, sich die vielen Verse, Texte, Fakten und Daten zu behalten: „Nur durch konsequentes Auswendiglernen. Der Rest ist Kommunikation mit den Gästen, das Spiel von Reaktion und Gegenreaktion.“ Frank Selbitz hat Spaß daran. Auch zur Silberhochzeitsfeier: Drei Stunden lang hat er die Gäste fast im Alleingang unterhalten.