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| 03:00 Uhr

Als der Turm unter die Haube kam

Die Paul-Gerhardt-Kirche ist ohne Haube heute unvorstellbar.
Die Paul-Gerhardt-Kirche ist ohne Haube heute unvorstellbar. FOTO: Hofmann
Lübben. Es ist Dienstag, der 11. Juni 2013. Am frühen Abend ist der Kirchturm in ein warmes Licht der Sonne getaucht. Am Fuße von Lübbens Wahrzeichen haben sich 14 gestandene Männer zum Gruppenbild aufgestellt. Vom Turm ist Musik aus der Trompete zu hören. Auch Büchsenschütz' Roter Adler "kreist" über dem Marktplatz. Aber warum? Matthias Bräuer

Der Grund ist ein besonderer, aber nach 25 Jahren kaum noch präsent - am 11. Juni 1988 bekam der Kirchturm der Kreisstadt seine Haube wieder, war komplett saniert und musste nach 43 Jahren kein unansehnliches, kriegsversehrtes Dasein mehr fristen.

Tausende Menschen säumten an jenem Tag den Marktplatz. Keiner wollte es verpassen, wie ein mächtiger Autodrehkran die Haube auf den Turmschaft setzt.

Jetzt nun, nach 25 Jahren, nimmt sie Zahl der 14 Männer am Fuße des Turms eher bescheiden aus. Doch ihnen ist es in einem großen Maße zu verdanken, dass Lübbens Wahrzeichen heute so aussieht wie es die meisten kennen. Auf Einladung des damaligen stellvertretenden Bürgermeisters Rolf Friedrich, der Mann der gewissermaßen den Hut aufhatte für Turm und Haube, haben sie sich getroffen, um sich auszutauschen, wie das so war vor einem Vierteljahrhundert.

Da sind der technische Koordinator Horst Karras, der Statiker Dr. Peter Thieme, die Holzbauspezialisten Günter Hörning und Richard Erben, der Tiefbauer Rolf Quasdorf, der Schlossermeister Dieter Schulze und der Kirchenhandwerker Otmar Radlow, der wie zu hören war, auch Trompete spielen kann. Nur einige von vielen, die das Projekt Turm zu einem Erfolg gemacht haben.

Anekdoten erzählt

Und so wird an diesem Abend so manche Anekdote zum Besten gegeben. Fakten, die bisher nur wenigen bekannt waren oder das Licht der Öffentlichkeit noch gar nicht gesehen haben. Die Lübbener Bürger musten buchstäblich ihre Haare lassen, um den Außenputz nach historischem Vorbild fertigen zu können. So sammelten die Friseure Haare, zehn Sack an der Zahl, die dann im Mörtel verschwanden, um künftig Haarrissen im Putz vorzubeugen. Auch acht Zentner Quark wurden verrührt. Für die Turmhaube selbst brauchte man natürlich Holz. 64 Festmeter an der Zahl.

Holz von der Forst

Doch woher nehmen und nicht stehlen? Auch hier fand sich eine Lösung. Die Männer der Freiwilligen Feuerwehr um Manfred Moser schlugen die Bahntrasse von Schönwalde bis Ragow für den Ausbau frei, und dafür gab's dann Holz von der Forst. Nicht unerwähnt blieb auch, dass Wetterfahne und Knauf für die Haube, ein Geschenk der Partnerstadt Neunkirchen beinahe unvergoldet in Lübben angekommen wären. Mit einem Griff in die Schatulle haben die Saarländer auch das bewerkstelligt. Eigentlich wollten sie ja die Turmuhr spendieren, aber die Ost-Granden mochten partout nicht die Zeit aus dem Westen angezeigt bekommen. Der damalige Oberbürgermeister Neuenkirchens, Peter Neuber, bemerkte daraufhin, dass man nun halt mit der Wetterfahne gezeigt bekommt, woher der Wind weht - meistens aus dem Westen.

Haut aus Kupferblech

Von besonderer Bedeutung war ohne Zweifel die Beplankung der Turmhaube mit ihrer Haut aus Kupferblech. Mehr als zwei Tonnen verarbeiteten die Männer der Firma Winter aus Schirgiswalde, die, wie es hieß, auch mit viel Spargel und Spreewälder Gurken an ihre Lübbener Aufgabe "gefesselt" wurden. Doch es bedarf eben auch kupferner Nägel fürs Kupferblech. Und die hatte der Meister aus dem Bautzener Raum nicht - angeblich. Nachdem er dann die Nägel aus dem Westen in Augenschein genommen hatte, stellte er fest: "Die sind aber nicht schön, da nehm' ich doch meine eiserne Reserve."

Reserven gab es nur noch wenige in der damalige DDR. Schier unerschöpflich aber waren, so das Resümee, der Wille etwas zu bewegen für die Stadt, das Zusammenstehen für eine Sache und handwerkliche Kunst es auch zu bewerkstelligen.