"Von Mai 1965 bis zum Herbst 1968 ist der Schulkahn täglich nach Lübbenau gefahren", sagt Kahnfährmann Siegfried Sprunk (50) aus Leipe. Der gelernte Installateur kann sich noch sehr gut daran erinnern, denn er besuchte als Schüler der vierten Klasse die Schule in Lübbenau. "Der technisch sehr begabte und 1994 verstorbene Kahnführer und Hausmeister Karl-Heinz Panzer hatte auf seinem Stahlblechkahn eine stabile Kajüte aufgebaut", erzählt Sprunk. "Damit fuhr er uns Schulkinder täglich vom Leiper Hotel bis zum Hafen nach Lübbenau." Das habe bei den Gästen des Spreewaldes für Verwunderung und Aufsehen gesorgt. Schulkahn der Marke Eigenbau Der Wanderweg nach Lübbenau war in keinem guten Zustand und in den Wintermonaten wegen Schnee und Eis kaum befahrbar. An der Verbindungsstraße von Leipe nach Burg wurde noch gebaut. Sie war zu diesem Zeitpunkt nur mit Sand und Schotter grob befestigt worden. Die stabile Asphaltdecke für einen sicheren Autoverkehr fehlte noch gänzlich. Deshalb hatte Karl-Heinz Panzer in Eigeninitiative den Schulkahn geschaffen. Er schweißte ein Stück Stahlblech von etwa einem Meter Länge in die Mitte des Wasserfahrzeuges ein. Über 20 Schüler fanden auf modernen Klappstühlen Platz. Der Ein- und Ausstieg war vorn. Für die kalte Jahreszeit war sogar ein kleiner Ofen installiert worden, der gemütliche Wärme in die sonst kalte Kajüte ausstrahlte. "Die Fahrten waren immer eine große Freude für uns Leiper Kinder", erzählt Sprunk. "Frühmorgens wurden noch schnell die Hausaufgaben im Kahn gemacht, fröhlich geplaudert oder die Geschehnisse in der Natur beobachtet." Er kann sich noch gut an einige andere Passagiere von damals erinnern; Wolfgang und Rainer Lossack, Margit und Edeltraut Rießner, Bernd Konzack, Carola Grunz, Jutta Horn und Andreas Buchan. Trotz Motoreinsatz dauerte die Fahrt zwischen Leipe und Lübbenau immer etwa eine Stunde. Gestartet wurde die Schultour um 6.30 Uhr in Leipe und gegen 14.30 Uhr waren die Schulkinder wieder in ihrem Heimatort zurück. Im Sommer legte Karl-Heinz Panzer oft Zwischenstopps ein. Es war das größte Vergnügen für die Mädchen und Jungen, in der kühlen Spree zu baden oder sich auf dem "Sonnendeck" des Kahnes bräunen zu lassen. Im Herbst 1968 wurden die Kahnfahrten eingeschränkt. In dieser Zeit beauftragte der Rat des Kreises Calau, Abteilung Volksbildung, die Lübbenauer Bootsbau-Firma Lubkoll in der Gerbergasse damit, einen neuen Schulkahn zu bauen. "Ich habe für diesen Auftrag die Schweißerprüfung im Kraftwerk Lübbenau ablegen müssen", sagt Tischlermeister Albert Lubkoll (79) und legt stolz das Zeugnis von damals vor. Die Verbindungsstraße zwischen Leipe und Burg war komplett asphaltiert und wurde am 6. Januar 1969 eingeweiht. Nun konnten auch die Schulbusse ohne Probleme nach Leipe gelangen. "Anfang 1969 sind wir nach Burg in die Schule gegangen", sagt Andreas Buchan (46) aus Leipe und zeigt seine Zeugnisse, in denen Burg als Schulort steht. Schulboot wurde zum Ausflugskahn In der Zwischenzeit war auch der neue Schulkahn fertiggestellt worden. "Der nun nicht mehr benötigte Kahn wurde für Ausflugsfahrten mit den Schulklassen in den Spreewald zur Verfügung gestellt", berichtet Kurt Vorwachs (70), ehemaliger pädagogischer Mitarbeiter in der "Station der jungen Naturforscher und Techniker" in der Lübbenauer Dammstraße. "Beim Leiper Schulkahn wurden die Aufbauten entfernt, und dann ist er etwa um 1989 nach Lübbenau als Touristenkahn verkauft worden", erzählt René Buchan (34), Sohn von Karl-Heinz Panzer. Später war der Kahn bei der Cottbuser Stadtreinigung im Einsatz. Umbauten am Kahn ermöglichten den Transport der Mülltonnen von Leipe nach Lübbenau. Der nachweislich letzte Besitzer des legendären Schulkahnes aus Leipe war der Lehder Landwirt Christian Konzagk (32). Er hatte den ehemaligen Schulkahn von 2001 bis 2004 bei seinen landwirtschaftlichen Arbeiten im Einsatz. Der Kahn der "Station der jungen Naturforscher und Techniker" wird heute noch benutzt. "Seit Mitte der 90-er Jahre hat die Firma Tief- und Wasserbau in Boblitz dieses Fahrzeug als Arbeitskahn im Einsatz", sagt Herbert Konzack (56) aus Leipe. Bei Dorf- und Stadtfesten wird das spreewaldtypische Gefährt festlich ausstaffiert und vorgeführt.