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| 01:32 Uhr

Alpträume aus DDR-Zeiten

Viktor Witt (l.) und Detlef Mundt tragen das symbolträchtige Bettgestell aus dem früheren Cottbuser Gefängnis ins Menschenrechtszentrum. Foto: René Wappler
Viktor Witt (l.) und Detlef Mundt tragen das symbolträchtige Bettgestell aus dem früheren Cottbuser Gefängnis ins Menschenrechtszentrum. Foto: René Wappler FOTO: René Wappler
Cottbus. Selbst mit einem Bettgestell aus dem früheren politischen Gefängnis in Cottbus verknüpfen die Häftlinge von damals Erinnerungen. Allerdings sind es Alpträume, wie bei ihrem jüngsten Treffen zum 150. Geburtstag des Zuchthaus-Geländes in der Stadt offenbar wurde. Von René Wappler

Manchmal bietet ihm auch der Schlaf keine Zuflucht. Noch heute, sagt der 54-jährige Detlef Mundt, träume er regelmäßig davon, dass auf ihn geschossen wird, während er durch die Ostsee schwimmt, um in den Westen zu gelangen. "Genau das ist mir zu DDR-Zeiten passiert", erklärt er. "Deshalb saß ich nach meiner Verhaftung auch in Cottbus im Knast." Da gilt es geradezu als symbolischer Akt, dass er am Donnerstag gemeinsam mit Viktor Witt, ebenfalls 54 Jahre alt, ein altes Bettgestell in die Ausstellungsräume des Cottbuser Menschenrechtszentrums an der Bautzener Straße bugsiert. Denn auf diesem Bett schlief Viktor Witt in den Jahren von 1981 bis 1984, als er in Cottbus inhaftiert war. "Vielleicht können es die Mitarbeiter ja als Ausstellungsstück gebrauchen", sagt er. "Ich habe es nach dem Zusammenbruch der DDR hier entdeckt, als ich das Gefängnis noch einmal besuchte." Wegen "landesverräterischer Agententätigkeit" sei er 1981 inhaftiert worden. Das heißt: Er telefonierte mit einer Freundin aus Westberlin, die für ihn eine Flucht aus der DDR organisieren sollte. Das Gespräch wurde offenbar abgehört. "Ein halbes Jahr passierte gar nichts", erinnert sich Viktor Witt. "Dann tauchten plötzlich Stasi-Leute in Zivil in meinem Betrieb auf, die mich nach Hohenschönhausen abholten." Weiter ging es nach Magdeburg, wo er verurteilt wurde - und die nächste Station war Cottbus. "23 Stunden drinnen, eine Stunde Freigang, und Gefängnismitarbeiter, die einen schikanierten." Wer sich den Anweisungen widersetzt habe, sei oft in Isolationshaft gekommen.Die früheren Häftlinge berichten auch von Scheinhinrichtungen: Dabei sei dem Opfer eine Schlinge um den Hals gelegt worden, es musste auf einen Hocker steigen, wurde herunter gestoßen und in letzter Sekunde von den Wärtern aufgefangen. Im Jahr 1984 wurde Viktor Witt über die Friedrichstraße in den Westen abgeschoben. Ihn begleiten die Alpträume dieser Zeit heute noch in seinem Alltag. Sobald er ein rotes Backsteingebäude sehe, sagt er, bekomme er es mit der Angst zu tun. "Dagegen kann ich nichts machen." Aber das Bettgestell wird er mit Detlef Mundt in das rote Haus auf dem früheren Cottbuser Knastgelände tragen - auch für die Erinnerung an diese Zeiten. Denn mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Ende der DDR gilt immer noch, was der Psychotherapeut Andreas Maercker in einem Beitrag über "psychische Folgen politischer Inhaftierung" für die Publikation "Das Parlament" feststellte: "Die gesteigerte innere Erregung lässt nicht nur das Einschlafen schwerer werden, sondern verursacht auch Gedankenbilder im Schlaf, die die Betroffenen als Alpträume erleben."