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| 14:26 Uhr

Herzensmensch
Aktivator, Entertainer, Weichensteller

 Peter Mularczyk leitet die Tagespflege des ASB in der Spreewaldstadt. Er brennt für die aktive Arbeit mit den alt werdenden Menschen. Ziel ist es unter anderem, pro Woche einen Ausflug zu machen. Kürzlich war er mit seinen Gästen im Alt Zaucher Hanschkow-Haus zum Plinse-Essen.
Peter Mularczyk leitet die Tagespflege des ASB in der Spreewaldstadt. Er brennt für die aktive Arbeit mit den alt werdenden Menschen. Ziel ist es unter anderem, pro Woche einen Ausflug zu machen. Kürzlich war er mit seinen Gästen im Alt Zaucher Hanschkow-Haus zum Plinse-Essen. FOTO: schirling
Lübben . Peter Mularczyk führt die ASB-Tagespflege in Lübben. Jeden Tag begleitet er zwischen neun und 13 Gäste beim Altwerden. Von Ingvil Schirling

Morgens dürfte Peter Mularczyk sich manchmal fühlen wie ein Seismograph. So wie das technische Gerät Bodenbewegungen misst, so spüren sich Peter Mularczyk und sein Team in die Gäste der ASB-Tagespflege ein. Dort nimmt an weiß und edel eingedeckten Tischen, erstes Zeichen der Wertschätzung, Morgen für Morgen „geballte Lebenskompetenz“ Platz, so nennt es der Leiter der Einrichtung. Zwischen neun und 13 Gäste begrüßt er in der Tagespflege; jeder bringt seine Schichten von Erfahrungen aus gelebten Jahrzehnten, seine individuelle Plattentektonik aus Erlebnissen und Emotionen heutiger und vergangener Zeiten mit. Erste Aufgabe für die Gastgeber: „Wie geht‘s Ihnen heute? Wo drückt der Schuh? Wie haben Sie geschlafen? Welche Wünsche gibt es?“

Die Antworten lauten bei jedem anders – je nach Persönlichkeit und den Prägungen eines langen Lebens. Am liebevoll gedeckten Tisch in der Küche, wie in der Familie zentraler Ort des Geschehens, kommt man ins Gespräch – und Peter Mularczyk in seine Kernkompetenz.

Lange bevor die Tagespflege entstand, war er vorgesehen für deren Leitung. Früh konnte er sich dafür fortbilden und „seine“ Tagespflege mitgestalten. Lübbener kennen ihn aus einer ganz anderen Welt. Der Name Peter Mularczyk ist mit der Entwicklung der heutigen Jugend- und Freizeiteinrichtung „die insel“ an der Wassergasse eng verbunden. Doch für immer und ewig in Jeans und Lederjacke, selbst älter werdend, aber vorgebend, mit jungen Leuten auf Du und Du zu sein? „Das funktioniert so nicht“, sagt er und schüttelt den Kopf. „An einem bestimmten Punkt wollte ich kein Berufsjugendlicher werden.“

Peter Mularczyk sattelte um und ging nach kurzem Stopp in der Verwaltung in die Pflege. Er qualifizierte sich zum Pflegedienstleiter und weiter zum Berater, lernte viel beim ASB Bildungswerk in Köln und fast noch mehr in der Psychiatrie der damaligen Landesklinik, heute Asklepios-Fachklinikum. „Es waren wichtige Lehrjahre in der Psychiatrie“, schätzt er heute ein. „Dort habe ich Grenzerfahrungen gemacht, erlebt, wie Menschen sein können – wie man aber auch erfolgreich intervenieren kann.“

Vor allem aber dürfte er eines auf hohem Niveau ausgebaut haben: sein Talent zur Kommunikation. Er wirkt damit ausgleichend, ehrlich und im Kontakt mit sich und seinen eigenen Gefühlen. „Wenn es mir mal an einem Morgen nicht so gut gehen sollte, sage ich das und bitte um Rücksicht. Das kommt besser an, als so zu tun, als sei alles wie immer.“

Das spüren die Gäste, und es wirkt wie eine Einladung, selbst in Kommunikation zu gehen. Dazu kommen die Ausflüge und Anregungen. Zentraler Teil ist das Projekt  „Lebenserinnerungen“ mit der Lübbener Museumsleiterin Corinna Junker.

Die Rückmeldungen der Angehörigen bestätigen das Tagespflege-Team auf seinem Weg, seismographisch-einfühlsam und respektvoll mit der „geballten Lebenskompetenz“ umzugehen – sie manchmal aber auch gezielt in Bahnen zu lenken. Das Elternteil sei viel aktiver, seit es in der Tagespflege sei, rede mehr, sei offener. Das ist eine Rückmeldung, die häufig komme, so deren Leiter. Besonders berührend für ihn: ein Schlaganfall-Patient, der kaum mehr Erinnerungen an früher hatte. Das Biografie-Projekt des Museums beförderte diese wieder ans Tageslicht. „Das war eine ganz positive Erfahrung, auch für mich“, so Peter Mularczyk. Am meisten motiviert ihn und sein Team die tägliche Dankbarkeit, die die Tagesgäste dafür empfinden, „dass wir für sie da sind. Und die lassen sie uns spüren.“

Im besten Fall bleiben die Tagespflege-Gäste somit in Bewegung, auch wenn immer wieder Ruhe sein muss, vor allem aber in Kommunikation, im Austausch miteinander und mit der Welt. Ein bisschen ist Peter Mularczyk da auch Entertainer, Diplomat und Weichensteller. Manchmal kommen Konflikte hoch, mit Angehörigen oder anderen. Ein gut kommunizierter Hinweis kann Wunder wirken, Weichen stellen, damit verhärtete, verkrustete Strukturen vergangener Fronten im zur Neige gehenden Leben noch gelöst werden können. Und doch: „Man muss die Menschen nehmen, wie sie sind“, macht er die Grenze zur unerwünschten Einmischung deutlich. „Ich brenne für diese Arbeit“, sagt Peter Mularczyk. „Jeder Tag ist schön und spannend.“ Es sieht leicht aus, wenn er alle einbezieht, jederzeit zu wissen scheint, wie sich Einzelne fühlen. Grundvoraussetzung ist es, alte Menschen zu mögen, unterstreicht er. „Ohne Herz kann man das nicht machen.“ Sein ausgeprägtes, fast seismografisches Gespür für ganze Lebenswelten dürfte dabei mehr als hilfreich sein.

In einer Serie stellt die RUNDSCHAU in loser Folge Herzensmenschen vor. Es geht um Männer und Frauen, die mit Leidenschaft und großem Engagement ihre Sache verfolgen – oder in ihrem Leben eine Herzensentscheidung treffen mussten, die nicht ohne Risiko war und vieles verändert hat. Wenn Sie Vorschläge haben, wer im Rahmen dieser Serie vorgestellt werden sollte, wenden Sie sich gern an die LR, am besten per E-Mail an red.spreewald@lr-online.de.