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| 01:14 Uhr

Afrikanische Impressionen in Zaue

Zaue.. Zwischen Schuhlen-Wieseern, Zauern und Einwohnern weiterer Orte der Region einerseits und Menschen einer Gegend am nördlichen Ende des Njassasees in Afrika andererseits gibt es eine Verbindung. Die Verbindung heißt Johanna und Christoph Sehmsdorf. Von Ingvil Schirling

Das Ehepaar, das im Rahmen einer Missionarstätigkeit Jahre in dieser Region Tansanias verbracht hat, nahm eine große Zuneigung zu den Menschen dort mit zurück und den festen Willen, das, was es dort aufgebaut hatte, mit seinem Fortgang nicht zerfallen zu lassen.
Diese Einstellung fiel bei den Menschen der hiesigen Region auf fruchtbaren Boden. Mit ihrer Hilfe konnten die Sehmsdorf eine Reihe von Geschenken mitnehmen, als sie jüngst nach Afrika fuhren, um dort nach dem Rechten zu sehen und Anhaltspunkte für die Frage zu finden, ob sie ihre aufgebauten Projekte nun in afrikanische Hände legen können. Im Gegenzug brachten sie Aufnahmen und Erzählungen mit, die sie am Mittwochabend in Zaue zeigten.
„Wir sind froh und glücklich, dass wir die Dinge allem Anschein nach in afrikanische Hände legen können“ , sagte Christoph Sehmsdorf gleich zu Beginn des Abends. Diesen Eindruck konnte teilen, wer danach die Bilder von der grünen Landschaft am See über den Schirm flimmern sah: Von verwahrlosten Kindern oder hungernden, desorientierten Menschen fehlte jede Spur.
Das mag zum einen daran liegen, dass die Filme beim Glockenfest, bei dem die Schiffsglocke übergeben wurde, für die Frauen aus Wiese gespendet hatten, die schöne, die festlich-fröhliche Seite des afrikanischen Dorflebens zeigen und zeigen sollen. Zum anderen mag es daran liegen, dass Not und Armut im Angesicht einer Kamera eher versteckt werden. Zum dritten aber mag es vor allem daran liegen, dass mit Hilfe von Menschen wie Sehmsdorfs und weiteren aus der Region Möglichkeiten des Lebensunterhalts für die Menschen geschaffen wurden, die ihnen helfen, ohne sie zu bevormunden.

Kleines Mädchen und das Abc
Wie der Kindergarten funktioniert, zeigten die ersten Sequenzen, die Christoph und Johanna Sehmsdorf in Zaue zeigten. In einem Raum mit großen Fenstern sitzen viele Kinder, nach Altersgruppen geordnet. Das Alphabet steht an der Tafel. Christoph Sehmsdorf überprüft, ob es nicht vielleicht nur deshalb dran steht, um bei den Besuchern aus Deutschland Staat zu machen.
Keineswegs! Ein kleines Mädchen in einem rosa Kleid, das noch nicht einmal bis zur Unterkante der Tafel reicht, zeigt mit einem Bambusstock, länger als sie groß ist, auf jeden einzelnen Buchstaben und spricht sie fehlerlos der Reihe nach auf Englisch aus. Die Szene rührt die Zauer Zuschauer. Ein amüsiertes, anerkennendes Raunen geht durch die Reihen.
„102 Kinder wollen beschäftigt werden“ , kommentiert Johanna Sehmsdorf die Arbeit des Kindergärtners, Lehrers, Kochs und Nachtwächters in einer Person, der unermüdlich mit den Kindern lernt, singt und spielt. Erste Einschränkungen der afrikanischen Idylle machen sich bemerkbar: Immer wieder ist unter den Hintergrundgeräuschen ein hustendes Kind zu hören. Der Ton ruft ins Gedächtnis, dass die Gäste aus Europa, durch ihren langen Aufenthalt dort Teil der Gemeinschaft geworden und nun zu Besuch, ständig von Kindern umringt sind. Und er erinnert daran, dass nicht alle dieser Kinder gesund sind.
An diesem Tag müssen sie lange auf das Festmahl waren. 200 Kinder werden es am Ende sein, jeder bekommt einen riesigen Berg aus Reis, Bohnen, Ziegen- und Schweinefleisch und einer Spinat-Art mit gestampften Erdnüssen. Es dauert Stunden, bis dieses Menü mit den einfachen Mitteln zubereitet ist. Der Reis muss gewaschen und ausgelesen, die Erdnüsse zerkleinert, die Bohnen vorbereitet werden. Die Ziege, ein Geschenk zum Fest, hat die Nacht in der Sicherheit des Häuptlings-Schlafzimmers verbracht, damit sie nicht der vorzeitige Tod ereile und das Festmahl andere genießen. Früh am Morgen hat sie der Lehrer, Kindergärtner, Nachtwächter, Koch, Sänger und Metzger geschlachtet und zerteilt.
Endlich ist alles fertig, die Ehrengäste sind da, die Glocke aus Wiese wird übergeben und lauthals bejubelt. Geschenke kommen auch aus Lamsfeld und aus Krostitz bei Leipzig von den Sternsingern. Ein Ball mit Pumpe, Puzzlespiele, Buntstifte und mehr wechseln die Besitzer. Den Kindern ist die Freude anzusehen.
Der zweite Teil des Zauer Abends beschäftigte sich mit der alten Topfkultur der Region am Njassasee. Die gleichmäßig runden Gefäße in verschiedener Größe, mit Mustern verziert, entstehen vor den Häusern. Hier sitzen die Frauen und haben gleichzeitig ein Auge auf die Kinder, das Haus und den Topf. Ohne Scheibe entstehen vier bis fünf Töpfe am Tag, die auf dem Markt in Matema um die 30 Cent bringen. Töpfern können nur die Frauen, berichten Sehmsdorfs, und auch nur die einer bestimmten Region.
Für den Film haben sich einige Frauen zusammengetan, um an einem Tag das Entstehen der Töpfe in den verschiedenen Phasen zu zeigen. Da sie sonst allein arbeiten, nutzten sie den Tag vor allem für eines: zum Schnattern. Ununterbrochen, sagt Johanna Sehmsdorf lachend, lief die Unterhaltung, die zwischendurch zu einem Streitgespräch mit den Männern wurde und schließlich wieder in den gleichmäßigen Fluss des Erzählens mündete.

Ufer mit Tausenden von Töpfen
Die Töpfe entstanden ganz nebenbei, scheinbar mühelos und doch mit bemerkenswert gleichmäßigem Ergebnis. Bilder vom Markt vervollständigen den Eindruck dieser afrikanischen Gegend. In aller Frühe kommen die Einbäume mit den Töpfen über den See, an dessen Ufer sich schließlich 10 000 bis 20 000 der Gefäße stapeln, schätzt Christoph Sehmsdorf.
Die jungen Frauen von den Bergen, zwischen 15 und 18 Jahre alt, legen 30 Kilometer barfuß zurück, ihr Kind auf dem Rücken, ihre Produkte (Bananen, Reis, Mais und anderes) auf dem Kopf, um letztere auf dem Markt gegen die Töpfe einzutauschen. Alle 14 Tage schaffen sie diesen Gewaltmarsch, der am Tag zuvor beginnt und zwölf Stunden und länger dauert. Nicht nur sie sind die Kunden der Töpferfrauen, sondern auch Inder, die nachmittags mit Lkw vorfahren, die Töpfe aufkaufen und anderswo für viel mehr Geld wieder verkaufen.
Der Gewinn für die Herstellerinnen ist also gering. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass die Frauen sich unter einer Bedingung zusammenfanden, um ihre Töpferkünste zu zeigen: Sie wollen eine Glocke, wie die Kinder sie bekommen haben. Die Sehmsdorfs werden ihr Versprechen einlösen: Eine Glocke für die Frauen ist bereits bestellt beim Hersteller in Leibchel, der für den guten Zweck einen Preisnachlass gewährt hat. In etwa eineinhalb Jahren, wenn das Wieser Paar voraussichtlich wieder nach Afrika fliegt, wird die Glocke wohl mitreisen. Dann gibt es erst recht einen Grund für die Frauen zu jubeln – etwa so wie die Frau des Dorfpastors: Sie stellte sich vor die Kamera, breitete die Arme aus, bewegte sich tanzend und rief: „Wir sind die Frauen von Ikombe!“


Infos zum Thema Filme aus Afrika
 Einige Wochen lang waren Christoph und Johanna Sehmsdorf aus Wiese kürzlich am afrikanischen Njassasee. Dort hatten sie während ihrer Zeit als Missionare unter anderem einen Kindergarten aufgebaut. Mittlerweile existieren mehrere Verbindungen zwischen Menschen aus unserer Region und denen vom Njassasee. Was Sehmsdorfs in Afrika beim Überbringen von Hilfe vorfanden, davon erzählen sie in Pretschen am 17. März um 18 Uhr im Gemeinderaum der Kirche. Dabei zeigen sie auch Kurzfilme von der dortigen Töpferarbeit und anderen Eindrücken.