"Ganz ehrlich? Mir war damals nicht klar, dass es soweit geht." Henry Sander lacht leise, wenn er sich an die Ereignisse vor 25 Jahren erinnert, deren friedlicher Aufbruch letztlich zur Wiedervereinigung Deutschlands führte. Er betreibt heute die Three-Oak-Ranch am Briesener Zergoweg in Lübben, hat sein Hobby - das Westernreiten - teilweise zum Beruf gemacht. Bekannt ist er in Lübben jedoch auch als Töpfer, dessen inzwischen schon berühmtes Spreewaldmotiv viele Liebhaber hat und deutschlandweit gefragt ist.

Treffpunkt Gubener Straße

1989 war Sander seit drei Jahren selbstständiger Töpfer - und, wie er selbst sagt, "politisiert". Seine Wohnung an der Gubener Straße, gegenüber des Cartoons, wurde zum konspirativen Treffpunkt Gleich- und ähnlich Gesinnter. "Wir wollten auf jeden Fall bessere Verhältnisse für alle erreichen." Ganz persönlich fühlte sich Henry Sander, damals 25 Jahre alt, "ein bisschen übrig geblieben". Ein großer Teil seiner Verwandtschaft wohnte jenseits der Elbe, viele seiner Freunde waren Ende Oktober/Anfang November, zu Beginn der Bewegung in Lübben, bereits ausgereist. "Es war schon so, dass auf der ein oder anderen Party mal der Kommentar kam: ,Ach, Du bist noch hier?' Ich hatte aber keine Ambitionen wegzugehen."

Am Brückenplatz, vor dem damaligen Kaufhaus, konnten die Lübbener im Rahmen einer Demonstration ihren Gedanken und Kritikpunkten, ihrer Unzufriedenheit Ausdruck geben. Auch Henry Sander sprach dort. "Es gibt ein witziges Bild vor, wie ich auf einem kleinen Lkw stehe - einem Framo - mit meiner grünen Jacke. Endlich konnten wir sagen, was wir denken."

Das Foto der verstorbenen Bildautorin Sybille Traube ist auf Dezember 1989 datiert. Den ersten Schweigemarsch verzeichnet der Lübbener Heimatkalender am 10. November. Wann genau welche Demonstration, welches Treffen in Lübben stattfand, ist aus heutiger Sicht nicht mehr lückenlos und vollständig nachvollziehbar. Der Heimatkalender spricht in seiner Ausgabe von 1992 daher von einer unvollständigen Daten- und Faktensammlung, die zahlreiche Zeitzeugenberichte ergänzen.

Es begann schon im Sommer

Die gärende Unzufriedenheit hatte indessen vor Monaten Formen gefunden. Wie Sander waren viele der Meinung, dass Meckern längst nicht reicht. Schon im Sommer hatte sich laut Heimatkalender der Ökumenische Arbeitskreis für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung gegründet. Die offene Initiativgruppe im Rahmen der Kirchen war bis Mitte September auf 100 Mitarbeiter angewachsen. Längst beschäftigten sie sich konstruktiv mit den Themen, die sie ändern wollten - in gut organisierten Arbeitskreisen.

Auf den 10. September datiert der Heimatkalender den Gründungsaufruf für das "Neue Forum", das Henry Sander mit gründete. Was die Sammlung von Daten und Fakten des Heimatkalenders ebenfalls deutlich macht: Der Rat des Kreises in Lübben beschäftigte sich nach außen hin viel mehr mit dem 40. Jahrestag der DDR als mit den Menschen auf der Straße. Noch Anfang Oktober gab es eine Festveranstaltung, und im Lübbener Wappensaal wurden die Gewinner der Aktion "Mein Arbeitsplatz - Kampfplatz für den Frieden" ausgezeichnet.

Unterdessen wuchs "die Welle" auf den Straßen Lübbens, wie es Henry Sander bezeichnet. "Es entstand ein Sog, in dem viele mitgearbeitet haben."

Kommentar: 25 Jahre friedliche Revolution

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In unserer Donnerstag-Ausgabe lassen wir eine weitere führende Persönlichkeit der Ereignisse im Lübbener Herbst 1989 zu Wort kommen. Haben Sie Anregungen, Vorschläge und ganz persönliche Erinnerungen zu diesem Thema? Wir freuen uns über Post an red.luebben@lr-online.de oder an die Lübbener Rundschau, Hauptstraße 28/29, 15907 Lübben.