Es riecht scheußlich. Im zweiten Obergeschoss breitet sich der Geruch von Knochen und altem Fleisch aus. Normalerweise kommt hierher kein Besucher, es sei denn, er wird von Museumsleiterin Sigrid Robel durch den Fundus geführt. „Hier werden gerade einige Skelettteile mazariert“ , erklärt Sigrid Robel. Mazarieren heißt, dass die Knochen angefault, entfleischt und gebleicht werden. Dann kommen sie in einen der Ordner, die die angrenzenden Zimmer füllen.

Zwei Drittel bleiben verborgen
Einmal alle drei Etagen durchschritten, hat der Besucher die drei Aufgabenbereiche des Museums kennen gelernt: Sichtbarster Teil ist die Öffentlichkeitsarbeit, die in Form von Ausstellungen und Veranstaltungen stattfindet. Hinzu kommen die Bereiche Sammlung und Forschung sowie Konservierung und Bewahrung. Sechs Mitarbeiter, davon zwei in Vollzeit, plus ABM-Kräfte sind dafür zuständig, dass alle drei Aufgaben erfüllt werden.
Gelb-schwarze Pappkartons stehen in einem der Magazinräume, davor ein Schreibtisch mit Etiketten, einem Heft mit verschiedenen Eintragungen, einem Tierbestimmungsbuch und einem Bleistift. Ringsherum, dicht an dicht, ausgestopfte Vögel, und es scheint, als wollten sie jeden Moment anfangen zu fliegen, zu gurren, zu klappern und zu singen - Pfau, Strauß, Storch, Taube und viele andere. An der Wand hängen Geweihe. Es riecht wieder nach Museum - nach Staub und dem Holz der Schränke. Jedes Tier, jede Pflanze ist mit Funddatum, Fundort und weiteren Informationen versehen. Das nutzen Forscher für vielfältige Fra gestellungen. Wo wann ein Tier gefunden wurde, gibt Auskunft darüber, welchen Lebensraum es hat. Wie viele Tiere es sind, sagt etwas über den Zustand der Lebensräume aus.
Zum Beispiel die Blauracke. 1990 ist sie in Brandenburg ausgestorben, während sie noch vor 150 Jahren der „Charaktervogel der Mark“ , so Robel, war - ähnlich dem Haussperling heute. Das wurde Ende der 80er-Jahre mithilfe der Cottbuser Sammlung entdeckt, als es noch zehn Brutpaare in der Region gab. Der Versuch, das Aussterben aufzuhalten, scheiterte.
Kürzlich forschte ein Vogelkundler im Cottbuser Museum zu Überwinterungsstrategien der Rohrdommel. Die Augen der Museumsleiterin, gleichzeitig zuständig für den Bereich Biologie, beginnen zu leuchten, wenn sie von aktuellen Forschungsprojekten spricht. So wird beispielsweise in eigenen Projekten des Museums geforscht, wie die Besiedlung der Bergbaufolgelandschaften mit Lebewesen erfolgt oder welche Tiere auf Truppenübungsplätzen vorkommen. Die Projekte finden quasi vor der Haustür statt und passen kaum in das Profil größerer, international arbeitender Museen. „Auch für die Blauracke hätten sich überregionale Mu seen kaum interessiert“ , schätzt Sigrid Robel.
Zwischen den vielen großen Geweihen und toten Vögeln oder zwischen Marderhund, Timberwolf, Damhirsch und Mufflon im Zimmer gegenüber mag der Besucher nicht glauben, dass es an die 400 000 Exemplare sein sollen, die hier untergebracht sind. Doch ein Blick in die Haegersche Schmetterlingssammlung, die bedeutendste in Brandenburg, relativiert die Zahl. Rund 7000 Exemplare sind es, die der Lehrer Erich Haeger zwischen 1945 und 1995 in Brandenburg zusammengetragen hat. 902 Arten - alle, die jemals in Brandenburg nachgewiesen wurden, und von denen sehr viele bereits ausgestorben sind. Es beeindruckt nicht nur die Formen- und Farbenvielfalt der Tiere, sondern auch die Akribie, mit denen Haeger die Exemplare beschriftet hat. Exakt, wie es heute nur noch Computer schaffen, und so klein, dass man beinahe eine Lupe zum Lesen braucht.

Zu wenig Platz
Solche privaten Sammlungen sind es unter anderem, durch die das Museum, das im Zweiten Weltkrieg 90 Prozent seines Bestandes durch Brand verloren hat, erweitert werden kann. Eine Besonderheit ist die Meerestiersammlung eines Cottbusers, die 1993 gekauft wurde und demnächst in einer Sonderausstellung gezeigt werden soll.
Die Größe des Fundus' ist ein bisschen sein Fluch: Nur fünf Prozent des Bestandes an Wirbeltieren können ausgestellt werden. Insgesamt finden rund zehn Prozent im Erdgeschoss Platz. Hier stehen 200 Quadratmeter zur Verfügung. Die Sonderausstellungsfläche im zweiten Stock ist noch einmal halb so groß, wurde aber 2003 aus brandschutztechnischen Gründen geschlossen. „Der Bundesdurchschnitt für Naturkundemuseen liegt bei über 1000 Quadratmetern“ , gibt Robel zum Vergleich an. Mit dem Umzug ins Stadtmuseum wird sich das Platzangebot nach einer Rekonstruktion nur wenig erhöhen. „Die einzige Chance, unseren Bildungsauftrag zu erfüllen, sind Veranstaltungen, in denen wir Exemplare aus dem Fundus zeigen können.“ Fehlen ABM-Kräfte ist auch das kaum noch möglich.

Hintergrund Die Natur erforschen
 In zwei Abteilungen wird im Bereich Forschung und Sammlung des Museums gearbeitet: Die Geologie erforscht die Umwelt vor Jahrmillionen. Für diese Forschungsrichtung ist die Nähe zu den Tagebauen ein Segen. Die Abteilung Biologie erforscht hauptsächlich die Natur der letzten 200 bis 300 Jahre. Zusammen genommen betrachten beide Abteilungen die Landschaftsentwicklung in der Region von der Urzeit bis zur Gegenwart.