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| 02:41 Uhr

1000 Gestalten: Die Idee vom See

Grau gekleidet, verstaubt und steif aussehende Männer und Frauen zogen gestern über den Burchardplatz in Hamburg, um eine künstlerische Aktion zum G20-Gipfel zu setzen. Mit entwickelt und organisiert wurde die Performance von Mitgliedern des Kulturvereins am Neuendorfer See.
Grau gekleidet, verstaubt und steif aussehende Männer und Frauen zogen gestern über den Burchardplatz in Hamburg, um eine künstlerische Aktion zum G20-Gipfel zu setzen. Mit entwickelt und organisiert wurde die Performance von Mitgliedern des Kulturvereins am Neuendorfer See. FOTO: dpa
Neuendorf am See/Hamburg. Kulturverein mit Sitz in Neuendorf stellt spektakuläre Kunstaktion zum G20-Gipfel in Hamburg auf die Beine. Performance soll die aktive Zivilgesellschaft ins Bild rücken. Ingvil Schirling

Sie sind steif, sie sind verkrustet, energieleer, planlos. Sie sind viele. 1000 Gestalten zogen gestern Nachmittag über den Burchardplatz in Hamburg, langsam, schleppend. Einzelne brechen zusammen, bleiben liegen. Passanten schauen ungläubig zu: Was ist das? Was soll das bedeuten?

Es ist eine Kunstaktion mit Wurzeln in Neuendorf am See. Dort hat der Kulturverein "Neu am See" sein Domizil. Auf dem Gelände finden Treffen statt sowie künstlerische Aktionen und Veranstaltungen.

Zu den Mitgliedern des Vereins zählen viele Kunstschaffende aus dem Berliner Raum, die ihrerseits mit anderen Künstlern und Kreativen aus Hamburg vernetzt sind. "Im Februar gab es ein Treffen im Hamburger Gängeviertel", blickt Lillian Rosa auf die Anfänge der medienwirksamen Kunstaktion zurück. Sie bezieht in erster Linie Stellung zum 520-Gipfel, der morgen in Hamburg beginnt. Die Zusammenkunft von Vertretern der ökonomisch mächtigsten Länder der Welt sowie von Gästen war Hauptthema des Treffens. "Wenn die Augen der Weltöffentlichkeit nach Hamburg gerichtet sind, bietet es sich an, dort eine Kunstaktion zu platzieren", gibt Lillian Rosa die Gedanken wieder. "Es sollte explizit eine Kunstaktion sein."

Im Zusammenhang mit dem Gipfel zielt sie natürlich darauf ab zu verdeutlichen, dass bei Entscheidungen, die in erster Linie aus wirtschaftlichen Gründen getroffen werden, die Menschlichkeit durchaus auf der Strecke bleiben kann. Die 1000 Gestalten, grau in grau, eingestaubt und unlebendig, sind ein starkes Bild dafür.

Doch dann kommt der Wendepunkt. Die Figuren fangen an, sich zu befreien, Eigeninitiative zu entwickeln. "Diese Transformation soll ein Aufruf sein und zeigen, dass es eine ganz aktive Zivilgesellschaft gibt, die sich auch einbringen will", erklärt Lillian Rosa. Allein die Teilnehmer - mehr als 1000 Menschen aus 85 Städten ganz Europas vor und hinter den Kulissen, Hunderte davon als verkrustete, sich befreiende Gestalten unterwegs, dazu finanzielle Unterstützung in Form von 20 000 Euro als Spenden - zeigen, dass die Kunstaktion einen Nerv trifft.

Lillian Rosa betont, dass sie für jeden etwas anderes bedeuten kann, jeder seine Interpretation hineinlesen mag. Ziel sei es in jedem Fall, während des Gipfels andere als die üblichen Bilder von Händeschütteln und Ähnlichem zu kreieren. "Wir hoffen, dass sie um die Welt gehen", sagt die Berlinerin, die auch Gründungsmitglied des Kulturvereins Neu am See ist. Sie sollen eine Zivilgesellschaft zeigen, die für Solidarität steht. "Wir wollen ein starkes, friedliches Bild aus der Mitte der Gesellschaft senden."

Die zahlreichen Teilnehmer der großen Gruppe haben sich zum Teil bereits mit Zitaten zu Wort gemeldet und damit das große überregionale Medienecho der Aktion mit vorangetrieben. "Was uns am Ende rettet, ist nicht unser Kontostand, sondern jemand, der uns die Hand reicht", sagte ein Mitglied. Das hohe Spendenaufkommen, teilweise aus Kleinstsummen bestehend, zeige ebenfalls die Unterstützung. "Wir nehmen Spenden dankbar entgegen", schließt Lillian Rosa. Die Aktion kam zwar gestern mit der Performance auf dem Hamburger Burchardplatz zu ihrem Höhepunkt, ist aber noch nicht zu Ende. Die Vorbereitung war eine logistische Leistung über fünf Monate, die ehrenamtlich gestemmt wurde.

Zum Thema:
Der Kulturverein "Neu am See" erwarb im März 2014 sechs Hektar am Neuendorfer See: den ehemaligen Naturcampingplatz. Zum Vereinsleben gehören Kulturveranstaltungen wie kürzlich ein Akt aus dem Sommernachtstraum von William Shakespeare. Die Daten für das Spendenkonto der Kunstaktion zum G20-Gipfel in Hamburg sowie weitere Informationen finden sich auf der Internetseite 1000gestalten.de