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100 Jahre Buchbinderei Schwiesow in Lübben

Reinhard Schwiesow vor seinem Laden in der Breiten Straße, wie ihn die Lübbener kennen: von Frühjahr bis Herbst stets in kurzen Hosen.Alfred Schwiesow jun. vor dem Geschäft seiner Eltern. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1912.
Reinhard Schwiesow vor seinem Laden in der Breiten Straße, wie ihn die Lübbener kennen: von Frühjahr bis Herbst stets in kurzen Hosen.Alfred Schwiesow jun. vor dem Geschäft seiner Eltern. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1912. FOTO: fsFoto: privat
Für die Lübbener ist der Name Schwiesow ein Begriff. Sie verbinden mit ihm die Buchbinderei mit dem Geschäft, dessen komplette Ladeneinrichtung im Jugendstil erhalten geblieben ist. Seit dem Jahr 1907 existieren in der Breiten Straße Papierhandlung und Buchbinderei der Familie Schwiesow. In familiärer Tradition hatte Buchbinder Reinhard „Thommy“ Schwiesow das Geschäft von seinem Großvater Alfred sen. und seinem Vater Alfred jun. im Jahr 1962 übernommen. Von Frank Selbitz

Am 22. Dezember 1907 heiratete der Buchbinder-Junggeselle Fritz Alfred Richard Schwiesow aus Lübben Johanna Pauline Gohmert aus Blumenfelde bei Lübben. Er bekam vom Brautvater, Eduard Gohmert, Rittergutsbesitzer zu Blumenfelde, als Hochzeitsgeschenk den kleinen Laden an der Breiten Straße als Buchbinderei- und Papiergeschäft geschenkt. Die Eröffnung des Geschäfts wurde am 19. Dezember 1907 im Lübbener Kreisblatt bekannt gegeben.
Während sich der Postkartenverlag und die Fotografie hauptsächlich dem Brandenburger Jägerbataillon Nr. 3, dem Alfred Schwiesow sen. selbst von 1905 bis 1907 angehörte, und den Lübbener Schützen widmete, gab die benachbarte Firma Brunkhorst Postkarten mit Spreewaldmotiven und Lübbener Stadtansichten heraus. Dort hatte Alfred sen. seine dreijährige Lehre 1901 beendet. Der folgten drei Wanderjahre, bevor er vor genau einhundert Jahren sein Geschäft eröffnete.
Vor allem waren es Aufträge der Lübbener Kaserne, des Jägerbataillons, der Reichswehr, der Wehrmacht und bis 1993 der Roten Armee, die die Buchbinderei Schwiesow erfüllte, sagt Reinhard Schwiesow. "Wo Armee ist, bleibt auch Geld hängen", betont er, „ob Bäcker, Fleischer, Schmied - in Lübben haben alle Handwerker irgendwie immer auch für die Kaserne gearbeitet.“ Ebenso ließen viele Privatkunden ihre Bilder rahmen, Doktorarbeiten binden oder kauften, wie das Standesamt, Kassen- und Registrierbücher.
Viele schlechte Zeiten hat der kleine Laden wirtschaftlich überstanden: Ersten Weltkrieg, Weltwirtschaftskrise, Zweiten Weltkrieg oder "die Kriegserklärung der SED -Führung an Handwerk und Privatwirtschaft, die es privaten Einzelhändlern besonders schwer machte", so Reinhard Schwiesow. In der Zeit der Großmarktanbieter finde der Käufer bei ihm Nostalgie, die seit 1984 als "Ladeneinrichtung im Jugendstil" auf der Denkmalliste steht.
Ein Spiegelbild des Auf und Ab der Buchbinderei stellt auch das Leben der Geschäftsinhaber dar. Großvater Alfred sen. musste von 1914 bis 1918 mit den Lübbener Jägern in den Krieg ziehen und kehrte gesund zurück. Gleiches Schicksal traf Alfred jun. von 1939 bis 1945, der im "Halber Kessel" in russische Kriegsgefangenschaft geriet. Erst 1952 kehrte er aus dieser zurück, um danach noch zehn Jahre lang in der Buchbinderei gemeinsam mit dem Vater zu arbeiten.
"Eine schwere Zeit, doch Großmutter, als gelernte Putzmacherin, hatte ein drittes Standbein des Geschäfts entwickelt", erinnert sich Reinhard Schwiesow. "Seit Kaiserzeiten bis 1970 fertigte sie Spreewaldpuppen an, die für 50 Mark bis nach Australien, Südafrika und Amerika reisten."
Als 1962 innerhalb eines Monats Alfred Schwiesow sen. und jun. verstarben, wurde der erst 20-jährige Reinhard Schwiesow, der die Lehre des Buchbinderhandwerks gerade im elterlichen Betrieb abgeschlossen hatte, zum Geschäftsinhaber. Sein Weg zum Meister war schließlich ein Hürdenlauf, denn nach Ablage der theoretischen Prüfung in Cottbus folgte die Einberufung zur Bereitschaftspolizei, so dass der Meisterlehrgang unterbrochen werden musste. Erst im Jahr 1967 beendete er als einziger Meisteranwärter an der Staatlichen Dorfnerschule in Weimar nach dem Abendstudium den Meisterlehrgang. In dieser Zeit ruhte zwar die Buchbinderei, doch das Ladengeschäft wurde weiter betrieben, und jeder ältere Lübbener kennt noch die Verkäuferin, Fräulein Ackermann, die von 1957 bis 1988 hinter dem Ladentisch stand und ein Stück der Einzigartigkeit der Buchbinderei Schwiesow verkörperte.
Stadtbekannt ist der jetzige Besitzer, Reinhard "Thommy" Schwiesow, der als "Kenner der Lübbener Szene" stets hilfsbereit sein Lübben den Gästen lobpreist. Die vierte Generation der Buchbinder in der Familie Schwiesow steht mit Matthias in den Startlöchern - auch um das einstige Hochzeitsgeschenk fortzuführen.

Info zum Thema Sonderausstellung
 Bis zum 15. Februar 2008 ist im Lübbener Stadt- und Regionalmuseum eine Sonderausstellung "100 Jahre Buchbinderei Schwiesow" zu sehen.