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| 18:32 Uhr

Ärzte auf dem Land
Zwischen Skype und Seele

Podium beim Forum „Wo bitte geht's zum Arzt?“ im Luckauer Krankenhaus
Podium beim Forum „Wo bitte geht's zum Arzt?“ im Luckauer Krankenhaus FOTO: Carmen Berg / LR
Luckau. Experten und Interessierte diskutieren in Luckau die ärztliche Versorgung auf dem Land.

Laut Statistik der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Brandenburg ist der Landkreis Dahme-Spreewald mit Haus- und Fachärzten gut bestückt. Bei Kinderärzten beispielsweise wird ein Versorgungsgrad von 141 Prozent ausgewiesen, bei Orthopäden 116 Prozent. Besucher des Forums „Wo bitte geht`s zum Arzt?“ im Atrium des Evangelischen Krankenhauses machen in Luckau und Umland offensichtlich andere Erfahrungen. Sie berichten von Augenarztterminen schon jetzt für 2019 und davon, dass der nächste Facharzt mit freien Kapazitäten, den die zentrale Termin-Vermittlung empfiehlt, in 120 Kilometern Entfernung ansässig ist. Die statistischen Zahlen nennt Robert Martin Montag von der KV „nicht so schlecht“. Dr. Johannes Wagner, Facharzt für Orthopädie aus Lübben, benennt den Knackpunkt so: „Wir haben nicht zu wenig Ärzte, wir haben ein Verteilproblem.“

Wie lassen sich Patientenströme lenken und Mediziner fürs flache Land gewinnen? Wie kann Digitalisierung da unterstützen, wo zwischen Praxen und Patienten die Wege weit sind?  Darum geht es bei dem Abend, zu dem die FDP-nahen Friedrich-Naumenn- und Karl-Hamann-Stiftung Experten und Interessierte eingeladen haben.

Jens Graßmel, Chirurg und Chefarzt im Luckauer Evangelischen Krankenhaus macht deutlich, wie wichtig sein Haus für Luckau und Umgebung ist. Rund 6200 Patienten werden hier jährlich stationär behandelt, knapp 10 000 Patienten bekommen Hilfe über die Rettungsstelle.

Von der Politik wünscht sich der Chefarzt klare Position zum Erhalt und zur weiteren Entwicklung des Standortes sowie zur gesicherten Notfallversorgung in Luckau. Bürgermeister Gerald Lehmann (parteilos) verweist darauf, dass Luckau dem Landesentwicklungsplan zufolge Mittelzentrum werden soll und fordert von der KV, diesem Umstand bei ihrer Planung von Facharztpraxen Rechnung zu tragen.  Luckau habe für einen Orthopäden, der dem Landkreis zusätzlich bewilligt wurde, „ein Rundum-sorglos-Paket“ gepackt, „der Zulassungsausschuss vergab die Stelle nach KW“, nennt er ein Beispiel.

Ob Politik, Kommunen oder KV - wer wofür in der Pflicht ist und sich stärker bewegen muss -  dazu werden von den jeweiligen Rednern die Bälle hin und her gespielt.

IT-Spezialist Felix Cornelius aus Berlin, bringt einen weiteren Aspekt ins Gespräch: Demnach geht ein Viertel der gesetzlich Krankenversicherten Deutschen mehr als 40 Mal im Jahr zum Arzt, auch das sei ein Grund für die Engpässe. Für den Informatiker ist die Digitalisierung eine Chance, „dort, wo es geht, wo die räumliche Nähe des Arztes nicht zwingend nötig ist.“ Bei der Nutzung der immensen Potenziale stehe man erst ganz am Anfang.

Dr. Johannes Wagner sagt, bei seinen Bereitschaftsdiensten wäre es hilfreich, sich elektronisch vorab über Wichtiges zum Patienten zu informieren, das er momentan noch telefonisch erfragen muss. „Bis jetzt aber ist es nicht einmal möglich, auf die Chipkarte den Medikamentenplan aufzuspielen“, kritisiert er und  fordert außerdem Lösungen für Ärzte, Rezepte auf den Sprechstundenbedarf auszuweiten. Das scheitere an den Krankenkassen. So darf der Bereitschaftsarzt dem Kranken nicht einfach eine Packung Medikamente aus seinem Koffer geben. Der Patient muss sie sich aus der nächsten Apotheke holen, die am Wochenende womöglich 20 Kilometer entfernt sein kann. „Wir müssen an der Vernetzung arbeiten“, sagt der Mediziner.

Chefarzt Jens Graßmel nennt die Zusammenarbeit mit dem Unfallklinikum Berlin-Marzahn bei der Röntgendiagnostik als Beispiel, wo sie im Evangelischen Krankenhaus in  Luckau bereits erfolgreich praktiziert wird. Zuhörer Harry Müller spricht indes die Ängste an, die gerade ältere Menschen mit der Digitalisierung verbinden. „Ich kann doch der 92-jährigen Oma nicht sagen, sie soll sich diese oder jene App. runterladen, bei allem Fortschritt sollten wir die Medizin nicht entseelen“, gibt Harry Müller zu bedenken.  Es gehe nicht darum, dass Skype und Co. den Arztkontakt völlig ersetzen, stellt  Felix Cornelius klar.  „Wenn wir von 100 Prozent Seele auf 98 kommen, ist das längst noch keine seelenlose Welt“, beschreibt er die Relation.