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| 02:55 Uhr

"Zutiefst gerührt und glücklich"

Freifrau von Bischoffshausen (rechts) hat im Anschluss an den Festgottesdienst besonders viele Hände geschüttelt.
Freifrau von Bischoffshausen (rechts) hat im Anschluss an den Festgottesdienst besonders viele Hände geschüttelt. FOTO: Uwe Klemens/uks1
Bollensdorf. Ein Dorf ohne Kirche? "Unmöglich", würde so mancher behaupten. Fast ein Menschenleben ist mittlerweile es her, dass das kleine Bollensdorf ein solch kirchenloser Ort war. Uwe Klemens / uks1

Zu jenen, die daran glaubten, dass man das in Bollensdorf ändern solle, gehörte Georg Sehmsdorf. Er war zwischen 1946 und 1953 als Dahmer Pfarrer auch für die Schäfchen von Mutter Kirche in Bollensdorf zuständig.

Seinem Ringen um die Erlaubnis, ein Gotteshaus zu bauen, seiner Suche nach Quellen für das damals besonders rare Baumaterial und seinem Bemühen, auch unter den Bollensdorfern selbst die Begeisterung für eine eigene Kirche zu entfachen, ist zu verdanken, dass der Traum Wirklichkeit wurde. Fast auf den Tag 60 Jahre ist es her, dass Sehmsdorf zum ersten Mal zum Gottesdienst in das gerade fertiggestellte Gotteshaus einlud.

Festgottesdienst mit Gästen

Ein Ereignis, dessen Jubiläum man nicht ungenutzt verstreichen lassen sollte, befanden die heutigen Kirchenältesten und luden am vergangenen Freitag zu einem Festgottesdienst.

Neben den Mitgliedern aus der Bollensdorfer Kirchgemeinde und Vertretern der Kommune, konnte Sehmsdorfs heutiger Amtsnachfolger Carsten Rostalsky dazu auch zahlreiche weitgereiste Gäste begrüßen.

Bewegende Worte

Mit bewegter Stimme erinnerte Sehmsdorfs Tochter Mechthild an das Wirken ihres Vaters, der, gerade aus neunmonatiger, sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt, seinen Dienst als Nachkriegspfarrer antrat. "Ich bin einfach gerührt und zutiefst glücklich, heute hier zustehen", sagte die 77-Jährige, die den zahlreichenGästen ein gerahmtes Porträt-Foto ihres Vaters mitgebracht hatte.

Historische Fotos in der Chronik

Wie Sehmsdorf es schaffte, trotz rohstoffknapper Nachkriegsära und kommunistischer Staatsdoktrin den Kirchenneubau zu organisieren, haben die Bollensdorferinnen Erika Günther und Maritta Hannemann, Dahmes Heimatforscher Christian Henkert und der aus Bollensdorf stammende, heute in Berlin lebende Ökonom Berthold Fege in Form einer üppig mit historischen Fotos, Dokumenten und Zeitzeugen-Schilderungen bestückten Chronik sorgsam zusammengetragen.

Auch Georg Sehmsdorfs Sohn Michael, der selbst Pfarrer wurde, war zum Festgottesdienst nach Bollensdorf gekommen und lud zum gemeinsamen Singen ein. Das triumphierende "Freude schöner Götterfunken" begleitete er selbst auf der Mundharmonika.

Auch Rosenthals Posaunenchor hatte sich sorgsam auf diesen Tag vorbereitet und entließ die Gäste mit dem eher weltlichen Ohrwurm "Wochenend und Sonnenschein" in den zweiten Teil des Abends.

Bei Leckereien vom Grill der Feuerwehr wurden Erinnerungen ausgetauscht, in der druckfrischen Chronik geblättert und mit den alten Bekannten geplauscht, die man lange nicht gesehen hatte.

Für Freifrau von Bischoffshausen, der Ehefrau des letzten Besitzers von Gut und Schloss Bollensdorf, gab es besonders viele Hände zu schütteln. Dass die Kirche auf den Grundmauern des in den letzten Kriegstagen abgebrannten Schlosses errichtet wurde, habe ihren Mann stets stolz gemacht und dürfte nach ihrer Ansicht, zumindest im Osten Deutschlands, auch eine ziemlich einmalige Sache sein.