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| 13:13 Uhr

Zeitzeugen berichten
Zeitzeugen bringen DDR-Geschichte nahe

Karsten Köhler(r.) und Heinz Rothe (3.v.r.) gaben den Elftklässlern am Luckauer Gymnasium anschaulich Einblick in ihre persönlichen Erlebnisse während der DDR-Diktatur.
Karsten Köhler(r.) und Heinz Rothe (3.v.r.) gaben den Elftklässlern am Luckauer Gymnasium anschaulich Einblick in ihre persönlichen Erlebnisse während der DDR-Diktatur. FOTO: Birgit Keilbach
Luckau. Karsten Köhler und Heinz Rothe geben Gymnasiasten Einblick in eigenes Erleben der DDR-Diktatur. Von Birgit Keilbach

„Wir wussten nicht, was Konterrevolution ist, aber das haben wir in der einen Woche gelernt“, sagt Karsten Köhler. Der Görlsdorfer erlebte, wie die DDR-Diktatur ihren Machtapparat einsetzte. Der Film „Das schweigende Klassenzimmer“ erzählt die Geschichte seiner Abiturklasse in Storkow (Landkreis Oder-Spree) aus dem Jahr 1956. Eine Woche lang wurden er und seine Klassenkameraden sowie deren Eltern verhört. „Es ist ein Scheiß-Gefühl, wenn man mit 17, 18 Jahren vor so einer Riege Männer sitzt“, bringt er sein Erleben den Schülern eines Kurses Politische Bildung am Luckauer Gymnasium nahe. Sie befassen sich aktuell mit den Themen DDR-Diktatur und Kalter Krieg.

Karsten Köhler aus Görlsdorf und der Luckauer Heinz Rothe sind Zeitzeugen, die aus ihrem eigenen Erleben über den Alltag in der Diktatur berichten. Als Pädagogik-Student saß Heinz Rothe 1960 neun Monate in Potsdam im Stasi-Gefängnis. „Im Urteil stand als Begründung, dass ich den ‚Spiegel‘ las.“

Zwar sei es Ende der 1950er-Jahre noch üblich gewesen, westliche wissenschaftliche Zeitungen zu haben, doch der „Der Spiegel“ war ein politisches Blatt. Und wer ihn las, machte sich verdächtig. „Man musste immer damit rechnen, verhaftet zu werden“, gibt der Luckauer Einblick in diese Zeit. Kritische Stimmen seien in keiner Diktatur geduldet. In Ungarn habe es damals eines der übelsten kommunistischen Regime gegeben, „wo kritische Kommunisten hingerichtet wurden.“ Dagegen wehrten sich die Ungarn im Oktober 1956 mit einem Volksaufstand, der blutig niedergeschlagen wurde.

In ihren Storkower Internatszimmern hörten Karsten Köhler und seine Mitschüler davon im Rias. „Den Sender zu hören, war verboten. Einer stand immer vor der Tür und passte auf“, erzählt er. Als dort die Nachricht verkündet wurde, der populäre Fußballer Ferenc Puskas sei gefallen, kam es zu einer spontanen Aktion der ganzen Klasse. „Wir haben Schweigeminuten eingelegt, einmal im Unterricht und dann noch einmal in einer Freistunde“, berichtet Karsten Köhler, damals Klassensprecher.

Acht Wochen später habe eine große schwarze russische Limousine vor der Schule geparkt, darin der damalige Volksbildungsminister Lange. Die 15 Jungs und fünf Mädchen hörten zum ersten Mal: „Das, was ihr betreibt, ist eine Konterrevolution.“ Innerhalb einer Woche sollten sie ihren Anstifter nennen. Sonst gäbe es für die ganze Klasse kein Abi-
tur. Trotz der Verhöre und der Versuche, die Schüler gegeneinander auszuspielen, hielten sie zusammen. „Nur drei wussten wirklich, wer es war. Alle erzählten: Es wurde uns so zugeflüstert.“ Am Tag vor dem Ultimatum floh ihr Mitschüler Dietrich Garstka. „Er ist abgehauen, weil sich das Ganze auf ihn zu konzentrieren begann. Und wir sollten dann sagen, dass er es gewesen war. Aber wir blieben dabei: Alle waren es“, sagt Karsten Köhler. Am 21. Dezember mussten alle Schüler die Schule verlassen. „Die Stasi-Offiziere standen rechts und links im Schulflur, als wir gingen“, veranschaulicht er diesen Moment.

Doch sie wollten zusammenbleiben und ihr Abitur machen. In kleinen Gruppen flohen 16 von ihnen nach Westberlin und fanden dort Verständnis für ihr Anliegen. „Wir hatten zweimal Dusel und konnten weg aus Berlin“, betont Karsten Köhler. In Bensheim bei Darmstadt legten sie 1958 ihr Abi ab.

Noch in Berlin erhielt Karsten Köhler ein Telegramm: „Komm bitte zurück. Mutter“. „Was haben Sie damals gedacht“, will Charlotte Pomplun von ihm wissen. Er habe eine Nacht darüber geschlafen und am nächsten Tag stellte sich heraus, dass es eine Falle war. Seine Mutter stand vor dem Auffanglager, Wintersachen in der Tasche. Leider auch ein Reporter der Bild-Zeitung neben ihr. „Sie wurde der Beihilfe zur Republikflucht bezichtigt und ein halbes Jahr lang immer wieder verhört. Dann floh auch sie nach Westberlin“, berichtet Karsten Köhler.

„Ich habe heute eine bessere Vorstellung von dem bekommen, was damals alles passiert ist. Vieles aus dem Buch ist verständlicher geworden“, resümierte Charlotte Pomplun. Interessant war die Begegnung mit den Zeitzeugen für Anton Meiwald deshalb, „weil ich vergleichen kann, Opa hat mehr von der Landwirtschaft in der DDR erzählt, das heute war ein anderer Teil der Geschichte von damals.“ Annia Prietz beeindruckte, wie erwachsen die Schüler damals schon sein mussten. „Sie mussten solche Entscheidungen treffen, wie die zur Flucht. Man ist dann ganz allein, das kann ich mir gar nicht vorstellen. Wir haben heute auch nach dem Abitur keinen Druck und alle Möglichkeiten.“ Von den Zeitzeugen könne man mehr erfahren als im Buch steht, „und es ist auch viel näher und glaubwürdiger, als wenn es die Lehrerin erzählt“, lautete das Fazit von Annika Schiemenz.