| 02:42 Uhr

Wollte als erste Deutsche nach Australien fliegen

Marga von Etzdorf flog von Berlin bis Tokio.
Marga von Etzdorf flog von Berlin bis Tokio. FOTO: Wikipedia
Gehren/Berlin. Marga von Etzdorf, geboren vor 110 Jahren, wuchs zwischen Luckau und Finsterwalde auf. Die leidenschaftliche Fliegerin starb in Syrien. Martin Stolzenau

Marga von Etzdorf gehörte zur zweiten Generation deutscher Fliegerinnen, die in den Goldenen Zwanzigern für Aufsehen sorgten. Da waren Frauen am Himmel zwar noch eine Seltenheit. Aber sie wurden von den männlichen Kollegen nicht mehr abgelehnt. Sie bekam als erste Frau eine Stelle als Copilotin bei der Deutschen Lufthansa, ehe sie mit einem eigenen Flugzeug Glanzleistungen auf Langstreckenflügen vollbrachte. Aber dann bewog die ehrgeizige Fliegerin beim Allein-Flug nach Australien ein Flugzeugschaden in Syrien zum Freitod. Da war sie 25 Jahre alt. Damit endete ihre spektakuläre Flieger-Karriere voller Tragik. Seither ranken sich viele Fragen um das mysteriöse Ende der mutigen Pilotin.

Marga von Etzdorf entstammte einer preußischen Offiziersfamilie und wurde am 1. August 1907 in Berlin-Spandau geboren. Nach dem frühen Tod ihrer Eltern wuchs das Waisenkind zusammen mit Schwester Ruth auf dem Gut ihrer Großeltern nahe Gehren zwischen Luckau und Finsterwalde in der Niederlausitz heran. Hier offenbarte sie früh ihre sportlichen Qualitäten. Dabei entwickelte sie eine besondere Vorliebe für das Reiten, Fechten und für das Hockeyspiel.

Zeitungsartikel über Frauen in Flugzeugen erregten ihr Interesse. Marga von Etzdorf besorgte sich alles erreichbare Material, überzeugte die Großeltern von ihrer neuen Leidenschaft und begann eine Piloten-Ausbildung. Nach viermonatiger Schulung erwarb sie im Dezember 1927 zunächst den A2-Schein, dann noch die Flugerlaubnis der Klasse B1 und schließlich den Kunstflugschein. Sie lebte nach dem Motto: "Der Flug ist das Leben wert." Die junge Frau wurde als erste Frau bei der Lufthansa als Copilotin angestellt und beförderte mit einer Junkers F 13 Passagiere von Berlin nach Breslau, Stuttgart, Basel und andere Orte. Nach 10 000 Flugkilometern wechselte sie zur Hamburger Luftverkehrsgesellschaft, wo sie nach weiteren 5000 Flugkilometern zur mündlichen Prüfung für den B2-Schein antrat. Dafür musste sie sich autodidaktisch vorbereiten, denn Frauen waren auf der Verkehrsfliegerschule noch nicht zugelassen. Unbeschadet dessen nahm Marga von Etzdorf auch diese Hürde. Mehr noch: Sie erwarb auf Anregung des ebenfalls flugbegeisterten Prinzen von Schaumburg-Lippe zusätzlich auch noch den Segelflug-C-Schein. Anschließend gewann sie beim Rhön-Wettbewerb der Segelflieger einen Ehrenpreis. Das überzeugte die skeptischen Großeltern zur Anschaffung eines eigenen Flugzeugs.

Da ihr Erbe nicht ausreichte, steuerten die Großeltern den Rest bei. Gekauft wurde eine "Junkers A 50 Junior" mit der Werknummer 3519. Die Maschine wurde gelb gespritzt, auf den Namen "Kiek in die Welt" getauft und auf eigene Rechnung für Passagier-, Reklame- und Kunstflüge benutzt. Bei der Kunstflugmeisterschaft für Frauen, bei der sie den vierten Platz belegte, glänzte sie mit Loopings sowie Rückenflugeinlagen. Doch insgeheim plante sie Langstreckenflüge. Zunächst flog sie zum Eingewöhnen ihre Maschine nach Konstantinopel. Dabei erlebte sie unliebsame Motorprobleme, die sie zu Notlandungen zwangen. Im November 1930 steuerte Marga von Etzdorf dann mit Zusatztanks von Berlin in Etappen bis zu den Kanaren. Doch beim Rückflug geriet sie in Unwetter. Nach einer Notlandung auf Sizilien mit Schäden am Flugzeug musste sie ihre Junkers per Eisenbahn nach Dessau in die Junkers-Werke schaffen.

Dieses Missgeschick zehrte an ihr. Umso gewissenhafter bereitete sie ihren geplanten Rekordflug nach Japan vor. Am 18. August 1931 startete sie in Berlin. Über Königsberg, Moskau, Kasan, Nowosibirsk, Mugden und Korea gelangte Marga von Etzdorf nach elf Flugtagen nach Tokio, wo sie von einer Menschenmenge gefeiert wurde und eine Goldmedaille erhielt. Der Rückflug endete in Bangkok mit Motorschaden, Absturz, eigenen Verletzungen und Krankenhaus-Aufenthalt. Die Heimkehr erfolgte per Verkehrsflugzeug als Passagier.

Die Fliegerin galt nun für viele als "Bruchpilotin". Das nagte an ihr. Dazu fehlte es an Geld für ein neues Flugzeug. Sie hielt Vorträge, gewann Sponsoren, bekam ein neues Flugzeug, wollte es allen mit einem Rekordflug beweisen. Sie startete am 27. Mai 1933 allein im offenen Flugzeug ohne Funk in Richtung Australien. Ihr Lebensinhalt war das Fliegen. Einen Mann gab es für sie nicht.

Allerdings war im syrischen Aleppo Endstation. Die Pilotin wurde mit dem heißen Wind über die Landebahn hinausgetragen und landete in einem Graben. Der Schaden an der Maschine war reparierbar. Doch Marga von Etzdorf war deprimiert. Wieder eine Bruchlandung. Die Pilotin beantwortete die Fragen der französischen Offiziere in Aleppo, ließ sich in ein Hotelzimmer geleiten und holte aus ihrem Gepäck eine MP vom neuen Typ "Schmeisser 28/II" mit einem Neun-Millimeter-Kaliber heraus, die sie illegal mitführte. Sie erschoss sich damit am 28. Mai 1933 wohl in einer Kurzschlussreaktion aus mehreren Gründen. Möglicherweise spielten Scham über die erneute Bruchlandung und das Wissen um den heimischen Schuldenberg, mit dem sie kein neues Flugzeug bekommen würde, bis zur Erkenntnis, dass sie mit der MP auch gegen den Versailler Vertrag verstoßen hatte, eine Rolle. Aus einem Brief, den die Franzosen in ihrem Gepäck fanden, ging hervor, dass Marga von Etzdorf den Flug mit der MP als Präsentationsstück auch für geheime Waffenverkaufsverhandlungen nutzen wollte: Gegen Gewinnbeteiligung, um ihre Schulden abzubauen. Der Verfasser des Schriftstücks war Hauptmann a. D. Ernst Heymann, ehemaliger Fliegeroffizier und dann Vertreter einer Waffenfirma. Damit schloss sich der Kreis.

Nach Überführung und feierlicher Aufbahrung im Berliner Dom wurde die Fliegerin im Juli 1933 auf dem Berliner Invalidenfriedhof bestattet. SA und SS hielten die Ehrenwache. Ein Blumenmeer bedeckte den Sarg. Die Nazi-Presse feierte die Pilotin als "deutsche Heldin", die für Deutschland gestorben war. Ein Missbrauch, gegen den sich Marga von Etzdorf nicht mehr wehren konnte. Der Grabstein bekam die Inschrift: "Der Flug ist das Leben wert."

Die ausgezeichnete junge Sportfliegerin Marga von Etzdorf.
Die ausgezeichnete junge Sportfliegerin Marga von Etzdorf. FOTO: Wikipedia