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| 02:46 Uhr

Wohin geht's im Landkreis Dahme-Spreewald?

Lübben/Luckau. Wie viel genau haben die Dahme-Spreewälder eigentlich mit Braunkohle und dem aktuellen Strukturwandel zu tun? Und wo sieht sich der Landkreis künftig im Konzert mit seinen Nachbarn? Soll er Teil der Gesellschaft Energieregion Lausitz-Spreewald bleiben? Diese Fragen sind aktueller denn je. Ingvil Schirling

Dahme-Spreewald ist einer von vier Landkreisen, die gemeinsam mit der Stadt Cottbus Gesellschafter der Energieregion Lausitz-Spreewald (ELS) sind. Jeder Anteilseigner zahlt jährlich 60 000 Euro in den gemeinsamen Finanztopf der interkommunalen Wirtschaftsförderungsgesellschaft ein. Partner sind bisher Vattenfall, BASF und Vestas. Es geht darum, mit konkreten Projekten gemeinsam und strukturell etwas für die Lausitz zu tun.

Nun orientiert sich die ELS weiter nach Süden, strebt Kooperationen mit der grenznahen sächsischen Region an. Für Dahme-Spreewald eine Möglichkeit zu entscheiden, ob der Landkreis in der Gesellschaft bleiben soll. Die Unzufriedenheit ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen. Michael Kuttner, einst Geburtshelfer der Mitgliedschaft Dahme-Spreewalds in der ELS, seit Jahren aber kritischer Begleiter, hat Beispiele parat. Ihm zufolge sind "eigentlich keine Projekte hier oben im Norden entstanden". Er bringt es so auf den Punkt: "Es ist ja schön und gut, dass wir zusammenarbeiten. Aber die Ergebnisse für den LDS sind weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben."

Nun kann Dahme-Spreewald als Gesellschafter Kuttner zufolge nur bei einstimmigem Beschluss aus der ELS austreten. Doch jetzt könnten die Anteile übertragen werden, wenn die sächsischen Eroberungsbestrebungen Erfolg haben. "Und wenn es so kommt", sagt der CDU-Mann Kuttner knallhart, "dann sollen sie das tun. Aber ohne uns." Dabei spreche er nicht nur für sich, sondern für die gesamte CDU-Fraktion im Kreistag.

So eindeutig diese Position ist, so unübersichtlich ist die Debatte. Obwohl sie seit Jahren am Rande von Sitzungen, meist unter dem Tagesordnungspunkt "Verschiedenes", immer wieder aufflammt, steht sie im Grunde genommen noch am Anfang. Das Kaleidoskop der verschiedenen Aspekte spannt Wirtschaftsdezernent Wolfgang Starke (SPD) auf. Einerseits scheint unbestritten, dass sich Dahme-Spreewald vom Thema Braunkohleausstieg/Strukturwandel, das in der südlichen Lausitz dominiert, "nicht mehr so betroffen fühlt". Im Landkreis war nur ein Teil des Luckauer Raums Bergbaugebiet, heute fest in der Hand von Naturschutz und Tourismus.

Andererseits gibt es übergreifende und verbindende Themen wie Mobilität. Starke nennt als Beispiel die Überlegung, wie Touristen - auch in Cottbus, Spree-Neiße oder Oberspreewald-Lausitz - zusammen mit ihrer Hotelbuchung Fahrscheine bekommen könnten, die es ihnen unabhängig vom Schülerverkehr ermöglichen würde, abends ein Stück in die Region zu fahren, ein, zwei Bier zu trinken und wieder zurückzukommen - alles ohne Auto. Ein anderes Beispiel ist der zweigleisige Ausbau der Bahnstrecke Lübbenau-Cottbus, die gemeinsam - theoretisch - effektiver voranzutreiben wäre als einzeln.

Theoretisch. Denn die Erfahrung der vergangenen Jahre hat die Erwartungen an die gemeinsame Schlagkraft empfindlich gedämpft. "Der politische Wille war ja, nach dem Motto "gemeinsam sind wir stark" etwas zu bewegen", sagt Starke. "So waren auch die Signale aus Potsdam." Doch die Ergebnisse seien ernüchternd gewesen. Zu diesem komplexen Für und Wider kommt schließlich noch ein Schwergewicht unter den Argumenten: der Fachkräftemangel. In Dahme-Spreewald ist er bereits deutlich zu spüren, allein schon an Zahl und Qualität von Bewerbungen in allen möglichen Berufssparten.

Die südliche Lausitz hingegen wird sich mit dem Ende der Braunkohle viel eher auf eine höhere Arbeitslosigkeit einstellen müssen.

Das bewegt vor allem Landrat Stephan Loge (SPD): "Wir haben aktuell 1400 freie Arbeitsplätze, alle zwei Wochen werden es etwa 100 mehr." Durch eine gemeinsame Arbeit an der Infrastruktur, an Straßen und Bahntrassen, könnten in diesem Strukturwandel Lausitzer Arbeitnehmer und Dahme-Spreewälder Arbeitgeber voneinander profitieren, ist sein Gedanke. Das setze jedoch voraus, dass sich die Energieregion auch Richtung Norden und an dessen Anforderungen orientiert, "und das vermisse ich seit Jahren", sagt er.

Leicht will es sich in diesem Zusammenhang niemand machen. Der Lübbener Frank Selbitz hat vor diesem Hintergrund beantragt, dass die Kreisverwaltung eine Informationsvorlage erarbeitet, die all diese bunten und folgenreichen Aspekte zusammenführt. Der UBL/Wir für KW-Abgeordnete im Kreistag rannte mit seinem Versuch, der immer wieder aufflackernden Diskussion eine Faktengrundlage zu verschaffen, offene Türen ein.

Die jüngsten Überlegungen für eine Innovationsregion, der Gedanke, dass die Lausitz sich ändern müsse, neue Ziele brauche jenseits des Kohleausstiegs - "das ist der richtige Ansatz", kommentierte beispielsweise der SPD-Abgeordnete und Alt-Landrat Martin Wille. "Aber", unterstrich er, "wir sehen nicht mehr die große Bedeutung für den Landkreis Dahme-Spreewald darin, im jetzigen Konstrukt der Energieregion mitzumachen, weil sie sich vermutlich überlebt haben wird. Wir sollten in der Tat versuchen, die strategische Diskussion zu führen."