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Muslime und Weihnachten
Wenn Nachbarn Freunde werden

Die Weihnachtstage wird Familie Kouka mit ihren Nachbarn verbringen. Am 31. Dezember wird dann das syrische Weihnachtsfest gefeiert.
Die Weihnachtstage wird Familie Kouka mit ihren Nachbarn verbringen. Am 31. Dezember wird dann das syrische Weihnachtsfest gefeiert. FOTO: Jenny Theiler / LR
Luckau. Weihnachten kennt keine Vorurteile. Eine syrische Flüchtlingsfamilie erzählt von Traditionen, Veränderungen und Feiertagsplänen.

Von Jenny Theiler

Es gibt nicht viele Möbel in der Wohnung von Familie Kouka, aber dafür einen Weihnachtsbaum. Zwischen zwei Sofas in einer Ecke steht eine reich geschmückte kleine Tanne, die von den vier Geschwistern immer wieder stolz bewundert wird. Die muslimische Familie aus Syrien lebt seit zwei Jahren in Luckau und ist mit den vorweihnachtlichen Gepflogenheiten in Deutschland bereits vertraut. Allerdings waren geschmückte Bäume, Weihnachtslieder und rote Mützen für die Syrer auch vor zwei Jahren nichts Neues, wie Vater Youssef Kouka erklärt.

Die Auffassung, dass Muslime das Weihnachtsfest nicht feiern oder sogar gänzlich ablehnen ist noch immer weit verbreitet und erhält durch die aktuelle Flüchtlingsdebatte neuen Auftrieb. Aber wie sich zeigt ist die besinnliche Zeit, trotz kultureller Unterschiede und einer Vielzahl von eigenständigen Riten, deutlich universeller, als sie auf den ersten Blick scheint.

Die Frage, ob Muslime Weihnachten feiern oder nicht, ist nicht so einfach zu beantworten. Im Islam spielt das Weihnachtsfest keine große Rolle, wird aber toleriert und von einigen gläubigen Moslems auch tatsächlich mitgefeiert. „Als ich klein war haben wir mit den Christen in meiner Heimatstadt immer zusammen Weihnachten gefeiert“, erinnert sich der 40-Jährige. Familie Kouka stammt aus Dêrik, einer Stadt im Nordosten Syriens, in der Kurden und Christen leben. „Frohe Weihnachten heißt auf syrisch Eid Milad said und das wünschen wir unseren christlichen Nachbarn zu ihrem Fest“, erklärt Youssef Kouka. Zu den Feiertagen gönnt jeder dem anderen sein Fest und wird dafür auch eingeladen daran teilzunehmen.

Das muslimische Weihnachtsfest dreht sich nicht um die Geburt Jesu Christi, sondern viel mehr um die Jahresendfeier - Silvester. „Deswegen gibt es bei uns auch immer erst am 31. Dezember die Geschenke“, erklärt Youssef Kouka. Die Silvesterfeier, die in Syrien auch mit Raketen und Böllern begangen wird, erinnert in ihrem Ablauf deutlich eher an ein europäisches Weihnachtsfest. „Bei uns wird auch unheimlich viel gegessen“, schmunzelt Youssef Kouka und berichtet vom syrischen Weihnachtsessen.

Neben vielen Süßigkeiten wie Plätzchen, Kuchen und Schokolade gibt es auch einen Festbraten, der von der ganzen Familie am Silvesterabend zubereitet wird. Dazu wird eine Pute über offenem Feuer geröstet. Als Beilage gibt es „Taboulé“, einen besonderen Salat aus Gemüse, Kräutern und Bulgurweizen. Für eine süße Abwechslung sorgen kleine Röllchen aus Mozzarella, Zucker, Grieß und Rosenwasser, die „Halawet el Jibn“ genannt werden. „Das ist aber nichts für Kinder, die mögen lieber Schokolade“, grinst Youssef Kouka.

Die vier Kinder der Familie erleben die Weihnachtszeit in Deutschland intensiver als ihre Eltern in der Heimat. Im Kindergarten und in der Schule werden Hamz (7), Rahaf (6), Adam (4) und Mosa Kouka (1) viel aktiver in die Weihnachtssitten eingebunden. Es wird gesungen, gebastelt und ein Wunschzettel geschrieben. „Bei uns war der Weihnachtsmann schon in der Schule und er hat gesagt, dass ich gut lesen kann“, erzählt Rahaf Kouka. Die Erstklässlerin teil sich mit ihren Brüdern auch einen Weihnachtskalender. „Der ist aber schon alle. Wir sind eben zu viele“, gibt sie zu. Wunschzettel und Adventskalender gibt es in Syrien nicht. „Diese Idee kommt aus Europa“, so Youssef Kouka.

Viele Weihnachtsattribute haben es allerdings doch in die arabische Welt geschafft. Neben riesigen öffentlichen Weihnachtsbäumen, die es in größeren Städten wie Aleppo und Damaskus gibt, werden auch europäische Weihnachtslieder mit arabischem Text gesungen. Das amerikanische „Jingle Bells“ heißt auf arabisch „Leylet Eid“ und bedeutet „Heute ist Fest“. „Das haben wir auch immer gesungen“, erzählt Adnan Sido, ein Nachbar der Familie. Er hat in Aleppo gelebt und kennt den Lagerfeuerbrauch, der in einigen Gegenden am 31. Dezember abgehalten wird. Dazu versammeln sich viele Menschen um ein Lagerfeuer, singen Weihnachtslieder und beobachten die Flammen, die das Schicksal des neuen Jahres symbolisieren. Wenn das Feuer erloschen ist muss jeder einmal über die glühende Asche springen   das bringt Glück.

Lagerfeuer und Putenbraten wird es in diesem Jahr nicht geben. Familie Kouka würde gern wieder in der Heimat mit den Eltern und Großeltern feiern, aber Youssef Kouka sieht keinen Lichtblick. Die Situation in Syrien sei noch immer zu schlecht. „Ich werde ein paar Raketen kaufen und mit meiner Familie und den Nachbarn am Silvesterabend in Luckau feiern“, erklärt Youssef Kouka.

Die Weihnachtsfeiertage werden für die Familie ruhig ablaufen. „Vielleicht gehen wir mal spazieren und gucken was in der Stadt los ist. Aber feiern werden wir erst am 31. Dezember“, betont der Familienvater.

(the)