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| 02:45 Uhr

Wenn Leute nachdenklich werden

Peitz/Luckau. Als Bevollmächtigter des Vorstands der Deutschen Gesellschaft unterstützt der Schriftsteller die Reihe "Kunst und Gesellschaft".

Andreas Apelt ist Schriftsteller, europäischer Kulturpolitiker mit Niederlausitzer Wurzeln. Er ist Mitbegründer und Bevollmächtigter des Vorstands der Deutschen Gesellschaft. Aufgewachsen in der DDR zwischen Calau und Luckau, lebte er später als Oppositioneller und Schriftsteller in Berlin, schrieb als Bürgerrechtler Parteigeschichte. Die Reihe "Kunst und Gesellschaft" initiierte er gemeinsam mit Ulli Blobel von der Jazzwerkstatt.

Die Deutsche Gesellschaft ist ein überparteilicher Bürgerverein. Worauf liegt der Schwerpunkt der aktuellen Arbeit?
Apelt Die Gesellschaft wurde im Januar 1990 als erster gesamtdeutscher Verein zwei Monate nach dem Fall der Mauer und neun Monate vor der Wiedervereinigung gegründet. Ziel war es von Anfang an, das Zusammenwachsen in Deutschland und Europa zu befördern. Das heißt, wir widmen uns mit Konferenzen, Seminaren, Ausstellungen, Lesungen, Studienreisen, Publikationen etc. allen relevanten gesellschaftspolitischen Themen. Im Jahr sind das über 700 Veranstaltungen in inzwischen 19 europäischen Ländern.

Sie sind Bevollmächtigter des Vorstands der Deutschen Gesellschaft. Welche Aufgaben sind damit verbunden?
Apelt In erster Linie habe ich die Interessen des überparteilichen Vorstandes zu vertreten. Wir haben ja gleich zwei Vorsitzende, Lothar de Maizière (CDU) und Franz Müntefering (SPD). Daneben Kollegen wie Prof. Richard Schröder, den ARD-Hauptstadtstudio-Gründer Jürgen Engert, die ehemalige Volkskammerpräsidentin Sabine Bergmann-Pohl, Hermann Otto Solms, Bundestagsvizepräsident a.D., und viele andere. Auch im Kuratorium wirken namhafte Persönlichkeiten mit. Von Martin Walser bis Angela Merkel, von Armin Mueller-Stahl über Wolfgang Thierse bis Friede Springer. Darüber hinaus bin ich für die Geschäftsführung des Vereins verantwortlich.

Welche Zusammenarbeit gibt es mit dem Regionalen Bildungswerk Brandenburg in Lübben? Welche Schwerpunkte gibt es im Süden Brandenburgs?
Apelt In Brandenburg sind wir traditionell stark vertreten. Im Jahr 2016 gab es insgesamt 74 Veranstaltungen, viele davon im Süden. Diese reichten von Regionalkonferenzen in Cottbus zum Thema "Wir sind das Volk! - Wer ist das Volk?" über das Medienprojekt in Forst "Jugendreporter vor Ort", Zeitzeugengesprächen in Herzberg und Doberlug-Kirchhain bis zu den Jazzkonzerten in Peitz und Cottbus oder den Klassik-Debütkonzerten unserer "Stiftung Schlösser und Gärten der Mark" im Vetschauer Schloss. Auch in Spremberg, Senftenberg, Lübben, Guben und anderen Orten waren wir aktiv. Sie sehen, viel politische Bildung und noch mehr Kultur. Und unser Bildungswerk hilft hier, wo es kann.

Die Deutsche Gesellschaft hat 2016 die Reihe "Kunst und Gesellschaft" in Zusammenarbeit mit der Jazzwerkstatt aufgelegt. Was war das Anliegen? Wie ist es aufgegangen, wird es eine Weiterführung geben?
Apelt Unser Ziel war es, Kunst und Politik zu verbinden. Wir wollten damit auch andere Zielgruppen erreichen, nämlich Menschen, die gern in ein Konzert gehen und offen für einen gesellschaftspolitischen Dialog sind. Die Zusammenarbeit mit der Jazzwerkstatt um Ulli Blobel hat sich als Glücksgriff erwiesen. Manch Konzertbesucher hat unsere Veranstaltungen, die in ganz Deutschland stattfanden, mit einem sehr nachdenklichen Gefühl verlassen, wenn wir etwa über das Thema Aleppo und die Krisen der Welt sprachen.

Im Mosse-Palais am Potsdamer Platz in Berlin ist im Jahr 2014 die Ausstellung "Free Jazz in der DDR - Weltniveau im Überwachungsstaat" gezeigt worden. Hätten Sie eine Idee, wo diese Ausstellung nach der erfolgreichen Tournee durch Deutschland einen festen Platz finden könnte?
Apelt Gern haben wir unser Haus für diese erfolgreiche Ausstellung zur Verfügung gestellt. Aber richtigerweise gehört sie nach Peitz, dort ist das Mekka der DDR-Jazzbewegung. Es wäre wünschenswert, fände sich ein Weg dorthin.

Sie sind zu DDR-Zeiten in der Nähe von Calau und Luckau aufgewachsen, haben sich als Autor in der DDR wie in der BRD zu Wort gemeldet - was verbinden Sie mit den Begriffen Überwachungsstaat und Free Jazz heute noch?
Apelt Natürlich bin ich als Jugendlicher auch gern nach Peitz gepilgert, so wie viele meiner Freunde. Peitz war Pflicht. Die SED-Oberen haben sich auch dort ein Armutszeugnis ausgestellt, denn jede Art sich der Uniformiertheit der real-sozialistischen Tristesse zu entziehen, war ihnen ein Dorn im Auge. Durch die Kriminalisierung von Anhängern der Jazzbewegung trieb die SED viele Leute in die Totalopposition oder in den Westen.

Sie haben mehrere Romane geschrieben, welche Rolle spielt darin die Herkunft aus der Niederlausitz? Wie stark autobiografisch sind die Figuren und Geschichten geprägt?
Apelt Die Niederlausitz ist meine alte Heimat, hier bin ich in Zinnitz, einem 300-Seelen-Ort zwischen Calau und Luckau aufgewachsen, zur Schule gegangen, habe dort sogar noch ein Jahr in der Forst gearbeitet. Leider hat die gesamte Umgebung unter dem Bergbau gelitten. Und das hat auch bei den Menschen Spuren hinterlassen. Entsprechend fand das Thema Eingang in meine Romane, viele Figuren sind dem dortigen Leben zwischen Fürstlich Drehna, Presenchen, Schlabendorf und Zinnitz entlehnt. Insofern könnten einige meiner Romane auch klassische "Heimatromane" sein. Ohnehin hat mich immer die Frage bewegt, wie sich die große deutsche Geschichte in den Seelen der kleinen Leute spiegelt. Und das ist in Deutschland vor allem die Diktaturgeschichte.

Was verbindet Sie heute noch mit der Region, was ist Heimat für Sie?
Apelt Es gibt einen schönen Satz: Heimat ist das, was man nicht mehr hat. Diese idealistische Zuspitzung sagt mehr aus als viele Definitionen.

Sie haben im März 2016 das Bundesverdienstkreuz am Bande erhalten - welcher Teil Ihrer Arbeit ist damit gewürdigt worden?
Apelt Die Auszeichnung erhielt ich für mein Wirken als ehemaliger DDR-Oppositioneller, ich war Mitbegründer des Demokratischen Aufbruchs und Berliner Landesvorsitzender, später Mitglied des ersten Gesamtberliner Abgeordnetenhauses. Aber eben auch für meine Arbeit in der Deutschen Gesellschaft und deren Einsatz zum Zusammenwachsen unseres Landes.

Woran arbeiten Sie gegenwärtig als Autor?
Apelt Im vergangenen Jahr gab ich ein Buch mit Erlebnisberichten von ehemaligen Hitlerjungen heraus - "Hitlers letzte Armee" - die 1945 als 14- bis 16-Jährige verheizt wurden und dennoch an den "Endsieg" glaubten. Innerhalb weniger Tage lernten sie die Gräuel des Krieges kennen und revidierten ihre Meinung. Doch gezeichnet sind sie von den Schrecken bis heute. Eine dieser herzzerreißenden Geschichten bietet den Ausgangsstoff für einen neuen Roman.

Mit Andreas Apelt

sprach Ingrid Hoberg

Alle Interviews können Sie noch einmal nachlesen unter www.lr-online.de/interview

Zum Thema:
Die Jazzwerkstatt wurde 1973 in Peitz gegründet und findet nach ihrem Verbot in der DDR (1982) seit sieben Jahren wieder in der Stadt statt. "Es ist damit das älteste moderne Jazzfestival in den neuen Bundesländern", sagt Ulli Blobel. Seit damals werde die Idee verfolgt, neue Wege in der Musik zu suchen und das seinerzeit neu Entwickelte zu bewahren. "Dem Zeitgeist und gleichsam der Musikgeschichte fühle ich mich als Programmkurator verpflichtet", erklärt er. ( www.jazzwerkstatt.eu)Andreas H. Apelt wurde 1958 in Luckau geboren. 1978 ging er nach Berlin-Prenzlauer Berg und war unter anderem Theaterarbeiter an der Volksbühne. Später arbeitete er auf dem Bau und legte das Abitur an der Abendschule ab. Er studierte an der Humboldt-Universität Berlin Germanistik und Geschichte (Lehramt). Ein Forschungsstudium zur Literaturgeschichte wurde ihm versagt. Er promovierte erst 2008 in Politikwissenschaft zum Dr. phil. 1989 war er Mitbegründer des oppositionellen Demokratischen Aufbruch, 1990 des Vereins Deutsche Gesellschaft e.V., dessen Vorstandsbevollmächtigter er bis heute ist. 1991 bis 2006 war er Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses. Seit 1984 veröffentlichte er erste Gedichte und Prosatexte. Sein erster Roman "Schneewalzer" erschien 1997 im Kiepenheuer Verlag, es folgten "Sieben Kraniche", "Schwarzer Herbst", "Ende einer Reise" und zuletzt "Pappelallee" (2014). Sein Thema: Deutsche Geschichte im Leben kleiner Leute oft in der dörflichen Umgebung seiner Heimat. Andreas H. Apelt ist auch Herausgeber zahlreicher Bücher zur DDR-, NS- und Zeitgeschichte. Er lebt in Berlin.Kennen auch Sie Persönlichkeiten, die etwas zu sagen haben? Dann schlagen Sie uns Gesprächspartner vor: Lausitzer Rundschau, Straße der Jugend 54, 03050 Cottbus, oder perE-Mail an die Adresse: redaktion@lr-online.de