"Wer auf gesunden Füßen unterwegs ist, kann sich kaum vorstellen, vor welchen Hürden wir manchmal stehen", versucht Ingrid Koschnick eine Erklärung für das geringe Publikumsinteresse am Donnerstagnachmittag. Die Luckauerin ist gehbehindert, ihr Mann sitzt im Rollstuhl. Angebote wie der Aktionstag sollen für die Kluft zwischen dem Anspruch von jedermann auf Teilhabe am Leben und der Wirklichkeit sensibel machen. Ingrid Koschnick denkt an die aktuelle Diskussion über eine Abschaltung der Ampel am Luckauer Lindeneck, die ihr Angst macht. "Mich an der Kreuzung ohne Ampel nach vier Seiten orientieren, schaffe ich nicht mehr."

Unstrittig ist bei den Gästen auf dem Markt, dass es Fortschritte im Miteinander von Behinderten und Nichtbehinderten gibt. Dahme-Spreewalds Gleichstellungsbeauftragte Elke Voigt spricht die inzwischen gängige Beteiligung von Behindertenvertretern an der Vorbereitung von Bauvorhaben an. Sie nennt die Neugestaltung des Uckroer Bahnhofsvorplatzes. Mit der Denkmalpflege sei daran geknobelt worden, wie Wege für Sehbehinderte markiert werden sollen. "Statt Leuchtstreifen kamen unterschiedliche Pflasterarten zum Einsatz. Ein Kompromiss, mit dem man leben kann", sagt sie. Manchmal brauchen berechtigte Wünsche Zeit, bis sie wahr werden. Mehr als zehn Jahre habe es gedauert, doch nun bekomme das Gebäude der Kreisverwaltung an der Lübbener Reutergasse mit der Sanierung endlich einen Aufzug, freut sich Elke Voigt über einen Erfolg.

Für Ingrid Koschnick ist die Luckauer Kulturkirche so ein Ort, an dem sich niemand wegen seiner körperlichen Gebrechen ausgegrenzt fühlen muss. "Alles dort ist barrierefrei. Am Freitag werde ich mit meinem Mann die Eröffnung einer neuen Fotoausstellung besuchen", erzählt sie.

Mario Büttner, Rollstuhlfahrer und aktiv im neu gegründeten Luckauer Behindertenbeirat, lebt seit gut vier Jahren in der Gartenstadt. "Es hat sich einiges bewegt", zieht er Zwischenbilanz. Mitunter seien es Kleinigkeiten, an denen Umdenken sichtbar werde. "Dieses Jahr hatte die Fläche vor der Bühne beim Türmerfest eine Rollstuhl-Auffahrt ", sei ihm aufgefallen. Der 48-Jährige erzählt aber auch, mancher bleibe zu Hause, weil behindertengerechte Toiletten fehlen. "Luckau hat zwar eine im Rathaus, aber das ist nicht immer offen."

Dahme-Spreewalds Sozialdezernent Carsten Saß erinnert an ganz unterschiedliche Handicaps, die zu beachten seien. Unbefriedigend nennt der die Integration Behinderter in den ersten Arbeitsmarkt. "Viele Unternehmen scheuen den damit verbundenen Aufwand, da sind noch dicke Bretter zu bohren", so Saß. Bei etwa acht Prozent und damit deutlich über den gesetzlich avisierten fünf Prozent liege in der Kreisverwaltung die Zahl von Mitarbeitern mit Behinderung. "Eine blinde Sekretärin macht bei uns ihren Job wie jede andere und ist keineswegs ein Exot", ermutigt Saß zum Nachmachen.