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| 13:28 Uhr

Umweltschutz
Welt der Insekten ist akut bedroht

 Vielfältig und farbenfroh ist die Welt der Insekten. Doch ihre Zahl sinkt rapide. Schon jetzt ist auch in der Region um Luckau der Anblick von Tagpfauenauge, Rosenkäfer, Feuerlibelle und Erdhummel seltener geworden.
Vielfältig und farbenfroh ist die Welt der Insekten. Doch ihre Zahl sinkt rapide. Schon jetzt ist auch in der Region um Luckau der Anblick von Tagpfauenauge, Rosenkäfer, Feuerlibelle und Erdhummel seltener geworden. FOTO: Donath Helmut, Keilbach, Birgit / Helmut Donath, Birgit Keilbach
Population und Vielfalt in der Region Luckau stark rückläufig. Blühstreifen sind nur Kosmetik. Von Birgit Keilbach

Viele Autofahrer werden es in den vergangenen Jahren schon bemerkt haben: Die Windschutzscheibe muss im Sommer seltener geputzt werden. Auch beim Spaziergang in der Landschaft krabbelt, summt und flattert es deutlich weniger. Grund ist der Rückgang vieler Insektenarten.

Das wurde bei einem Vortrag des Biologischen Arbeitskreises „Alwin Arndt“ deutlich. „Das große Insektensterben“ hat ihn Helmut Donath betitelt und damit nicht übertrieben. Denn die von ihm dargelegten Zahlen und Zusammenhänge zeigten auf, wie stark die Vielfalt der Insektenarten bereits zurückgegangen ist und welche Folgen das für Tiere, Pflanzen und Menschen hat.

Ohne Bestäubung geht die Agrarproduktion zurück

Schon vor den Dinosauriern existierten die Insekten, sie sind zudem die artenreichste Tierklasse. Sie leisten unschätzbare Dienste in der Natur – sind Bestäuber, dienen als Nahrungsquelle für Vögel, Fledermäuse und Menschen, sammeln Honig, produzieren Seide und andere Rohstoffe. Sie sorgen auch dafür, dass der Kot von Tieren, insbesondere der Weidetiere, aufgearbeitet wird. Darüber hinaus haben sie eine regulierende Funktion, sie tragen Samen weiter, halten Schädlinge in Schach und sorgen für Bodenqualität. „Wenn es keine Bestäubung mehr gibt, dann bedeutet das einen Rückgang der Agrarproduktion und damit verbunden Wohlstandsverluste“, zeigte Helmut Donat einen Aspekt auf. Auf Kakaoplantagen würde der Ertrag aufgrund von Schädlingsbefall um die Hälfte zurückgehen, wenn die Ameisen fehlten. Auf Oregano sorgten wiederum die Schmetterlingslarven des Bläulings dafür, dass gefräßige Ameisen nicht überhand nehmen, nannte er Beispiele.

Weltweit sei der Insektenrückgang dramatisch, auch in Deutschland und in der Luckauer Region lässt er sich nachweisen. „Besonders betroffen sind Wildbienen, mehr als die Hälfte der 565 Arten in Deutschland sind akut bedroht“, sagte Helmut Donat. Hummeln zählen dazu. Auf zwölf Kontrollflächen in der Luckauer Region waren laut Helmut Donath von 1979 bis 1999 noch durchschnittlich 8,3 Arten zu finden, mit einer Populationsdichte von 16,25 je Fläche. 2018/19 fanden die Entomologen des Arbeitskreises dort nur noch 5,5 Arten bei einer Dichte von 9,5. „Nur auf einigen Flächen waren noch mehr Arten anzutreffen, auf anderen gibt es gar keine Hummeln mehr“, beschrieb er die Entwicklung. Die Hummel spiele jedoch eine wichtige Rolle. „Ihre Bestäubungsleistung ist durch Bienen nicht zu ersetzen. Sie können ihre Körpertemperatur selbst regulieren und fliegen bereits bei wenigen Grad über Null.“

Verschiedene Ursachen

Parallel nehme die Zahl der Vögel im Naturpark Niederlausitzer Landrücken ab. Fast linear sei der Rückgang seit Ende der 1990er-Jahre bei der Feldlerche. Der Bestand der ausschließlich insektenfressenden Fettammer sei seit 2015 rasant gefallen.

Die Ursachen seien vielfältig und europaweit gleich; eine wesentliche davon die veränderte Landnutzung durch industrielle Landwirtschaft, Einsatz von Stickstoffdünger und Unkrautvernichtern, die Nahrungspflanzen der Insekten wurden totgespritzt, dann Monokulturen großflächig angebaut. Auch das Grünland biete keine Vielfalt mehr, und in vielen Gärten sehe es ähnlich monoton aus. Blühstreifen seien jedoch nur Kosmetik. „Wir können das Problem nicht mit kosmetischen Dingen lösen. Nur eine Agrarwende kann das Insektensterben stoppen“, sagte Helmut Donat. Die Weichen dafür müssten in Brüssel gestellt werden, mit einer Agrarförderung, die den Landwirten auch Kulturpflanzenvielfalt ermöglicht. Einiges sei jedoch machbar, zum Beispiel ein schrittweises Mähen der Wiesen, damit nicht gleich alle blühenden Pflanzen auf einmal verschwinden. Auch eine Änderung der Landschaftsstruktur könne helfen, stärker gegliedert mit mehr blühenden Randstreifen und mehrjährigen Blühflächen sowie offenen Erd- und Graswegen.

Zudem könnten schnellwachsende Gehölze auch linear statt flächig gepflanzt werden. Auch Wiesen unter Windkraftanlagen könnten blühen. „Ich habe dieses Jahr die insektenreichsten Areale unter Windrädern gefunden, wo das Gras nicht ständig gemäht wurde“, teilte er eine Beobachtung mit.