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| 10:11 Uhr

Auf dem Prüfstand
Vollnarkose für Ferkel?

 Über eine Maske atmen die Ferkel in dem Isofluran-Gerät das Narkose-Gas ein und sind innerhalb von Sekunden betäubt. Zusätzlich wird ein Schmerzmittel verabreicht. So soll eine schonende Kastration ermöglicht werden.
Über eine Maske atmen die Ferkel in dem Isofluran-Gerät das Narkose-Gas ein und sind innerhalb von Sekunden betäubt. Zusätzlich wird ein Schmerzmittel verabreicht. So soll eine schonende Kastration ermöglicht werden. FOTO: Bauernverband Südbrandenburg
Luckau. Anfang 2021 ist Schluss mit der betäubungslosen Kastration von Ferkeln. Doch was sind die Alternativen? Der Bauernverband Südbrandenburg testet nun ein neues Verfahren. Von Anja Brautschek

Männliche Ferkel werden in ihren ersten Lebenstagen kastriert – bislang in der Regel ohne Betäubung. Damit soll zum 1. Januar 2021 Schluss sein. Dann tritt ein Verbot des betäubungslosen Ferkel-Kastrierens in Kraft. Doch was sind die Alternativen für Landwirte? Der Bauernverband Südbrandenburg hat dazu ein Gerät zur Inhalationsnarkose der Ferkel mit Förderung durch das Ministerium angeschafft und getestet. Es ist laut eigenen Angaben das erste Gerät in ganz Brandenburg.

Die Ferkel werden dabei in einer Haltevorrichtung fixiert und atmen über eine Maske das Narkosegas Isofluran ein. Innerhalb von Sekunden sind die Tiere narkotisiert und somit zur Kastration betäubt. Zusätzlich wird ein Schmerzmittel verabreicht, um den Wundschmerz in der Aufwachphase zu vermeiden. Seit März dieses Jahres wird das Gerät in der Agrargenossenschaft Ländeken in Meinsdorf (Amt Dahme) auf die Alltagstauglichkeit getestet. „Es ist eine relativ sichere Methode und schonend für die Tiere“, erklärt Borjana Dinewa-Zelt vom Bauernverband Südbrandenburg. Obwohl die jungen Ferkel für das Verfahren von der Mutter getrennt werden müssen, sei kaum Aufregung bei den Tieren zu spüren.

Landwirte sollen Narkose selbst durchführen können

Mit einem entsprechenden Sachkundenachweis sollen künftig auch Landwirte selbst das Gas verabreichen können. Doch ob sich das Verfahren in der Region durchsetzt, sei aus Sicht des Bauernverbandes fraglich. „Der Aufwand für die Landwirte ist enorm. Das ist ohne Unterstützung ökonomisch gar nicht haltbar“, sagt Heike Lehmann vom Bauernverband.

Rund 10 000 Euro kostet das Gerät. Es ist allerdings nur für Betriebe mit bis zu 300 Sauen ausgelegt. Hinzu kommt ein hoher Pflege- und Wartungsaufwand, der Zeit und zusätzliches Geld koste. Damit schrumpft der ohnehin geringe Gewinn für Landwirte weiter. „Auch mögliche Sicherheitsrisiken für die Mitarbeiter sind im Moment nur schwer abzuschätzen“, erläutert Borjana Dinewa-Zelt weitere Erfahrungen. Vonseiten der Berufsgenossenschaft gelten daher höchste Sicherheitsvorkehrungen. Ein separater Raum mit Lüftung musste eingerichtet werden, Schwangere dürfen das Narkosegerät nicht benutzen. Auch ein Gesundheitscheck der Mitarbeiter wurde verlangt, berichtet sie.

Narkose-Verfahren sehr aufwändig

Laut Schätzungen des Bundeslandwirtschaftsministeriums werden mit dem Verbot der betäubungslosen Ferkelkastration dennoch etwa die Hälfte der Landwirte auf dieses Verfahren zurückgreifen. „Für eine solche Tendenz ist es aber noch zu früh“, sagt Borjana Dinewa-Zelt. Landwirte in der Region seien offen für Alternativen, tauschen Erfahrungen und Informationen über andere Möglichkeiten wie die Ebermast, wo die Tiere ohne Schnitt natürlich aufwachsen, aus.

Insbesondere die Immuno-Kastration habe laut Bauernverband viele Landwirte bei einem gemeinsamen Erfahrungsaustausch interessiert. Es handelt sich dabei um eine Schutzimpfung, die die Bildung der Geschlechtshormone verhindert. So kann der typische Eber-Geruch auch ohne Operation vermieden werden. In vielen Ländern wie Belgien oder Russland sei das bereits gängige Praxis. „Eigentlich bietet das Verfahren viele Vorteile, ist reversibel, und der Aufwand für Landwirte hält sich ebenfalls in Grenzen“, fasst sie zusammen. Doch bislang fehle die Unterstützung seitens der Lebensmittelbranche. Schlachthöfe lehnen derzeit das Verfahren ab. Das Argument: Verbraucher würden Fleisch von geimpften Tieren aus Angst vor Hormonfleisch ablehnen. Erfahrungen dazu gebe es in Deutschland bislang aber kaum. „Es handelt sich dabei nicht um eine Hormonbehandlung. Das injizierte Eiweiß imitiert die Hormone lediglich“, erklärt Borjana Dinewa-Zelt das Verfahren. Die mögliche Akzeptanz oder Ablehnung durch den Verbraucher soll nun weiter getestet werden.

Landwirte werden über mögliche Verfahren informiert

Der Bauernverband Südbrandenburg strebt indes weitere Gesprächsrunden mit Landwirten aus den Landkreisen Teltow-Fläming und Dahme-Spreewald an. „Wir wollen für keine der Methoden Werbung machen. Uns ist wichtig, dass die Landwirte über die möglichen Verfahren informiert werden, damit sie sich auf das Verbot einstellen können“, sagt Borjana Dinewa-Zelt.