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Tuchmachergrab wird Gedenkstätte

Wilhelm Schmidt, Nachfahre einer Dahmer Tuchmacherdynastie, berät mit Bauunternehmer Lutz Lehmann (r.) die nächsten Schritte.
Wilhelm Schmidt, Nachfahre einer Dahmer Tuchmacherdynastie, berät mit Bauunternehmer Lutz Lehmann (r.) die nächsten Schritte. FOTO: be
Dahme. Die Grabstätte der Tuchmacher-Dynastie Schmidt auf dem Dahmer Friedhof soll Erinnerungsstätte an ein Handwerk werden, das in der Flämingstadt Jahrhunderte lange Tradition hat. Dafür lassen die Nachkommen die Anlage auf eigene Kosten sanieren. Am Sonnabend vor dem Totensonntag wird sie ihrer Bestimmung übergeben. Carmen Berg

An einem Oktobernachmittag berät Wilhelm Schmidt mit Bauunternehmer Lutz Lehmann auf dem Friedhof die nächsten Arbeitsschritte. Dieser hat in den vergangenen Monaten das Grabmal früherer Schmidt-Generationen repariert und wieder standsicher gemacht. In dieser Woche wird er einen weiteren Stein auf die Anlage umsetzen - gewidmet Wilhelm Schmidts Mutter Irma und seinem Vater Herbert, der der letzte Tuchmacher von Dahme war. "Mit ihm ging eine Tradition zu Ende, die sich mehr als 300 Jahre zurückverfolgen lässt", sagt der Sohn.

Schon Christian Balthasar (1705 bis 1773), der erste Schmidt, der in den Kirchenbüchern auftauchte, sei Tuchmacher gewesen. Drei Generationen später hatte Johann Friedrich I. (1795 bis 1865) mit seiner Frau Johanna neun Kinder und wurde so zum Stammvater einer weit verzweigten Familie, aus der viele dem Gewerk treu blieben. "Drei Söhne Friedrichs wurden Tuchmacher, drei Töchter heirateten in Tuchmacherfamilien ein", erzählt Wilhelm Schmidt. Ein Enkel jenes Stammvaters, Johann Friedrich III. (1852 bis 1922) fand mit weiteren Angehörigen seine letzte Ruhe auf der Grabstätte, die zur Gedenkstätte werden soll. Die Restaurierung finanzieren die Nachfahren aus eigener Tasche.

Die Idee dazu hatte Wilhelm Schmidts entfernter Vetter Gerhard, der in Dippoldiswalde wohnt. "Stets zum Totensonntag kommt die Großfamilie auf dem Friedhof in Dahme zusammen", erzählt Wilhelm Schmidt. Bei dieser Gelegenheit sei das Gespräch darauf gekommen, das alte Grabmal für die Nachwelt zu bewahren, weil es zugleich Ausdruck für ein Stück Stadtgeschichte sei. "Wenn es um altes Dahmer Handwerk geht, ist viel von den zahlreichen Zigarrenmachern die Rede, an die Tuchmacher aber erinnert nur noch wenig", bedauert Wilhelm Schmidt.

Dabei verzeichnete das Städtchen Anfang des 19. Jahrhunderts immerhin 130 Tuchmacher. Erst mit fortschreitender Mechanisierung gaben viele kleine Betriebe auf, 100 Jahre später waren der Chronik zufolge nur noch 14 übrig.

Die Tuchfabrik von Wilhelm Schmidts Vater Herbert stand an der Luckauer Straße 8. Zu DDR-Zeiten war sie einziger Hersteller von Säureschutzloden in der DDR, die als Schutzkleidung in der chemischen Industrie Verwendung fanden. Nach der Zwangsverstaatlichung 1972 blieb der Vater noch drei Jahre Betriebsleiter. Später zog in die Hallen ein Kartonagenwerk ein.

Nach der Wende wurden die Gebäude abgerissen. Ein Stück Holz aus den Fachwerkbalken hat Wilhelm Schmidt aufgehoben. Daraus soll ein Kreuz für die Grabstätte werden. Zum gemeinsamen Erinnern lädt er im Namen der Familie alle Interessierten für Sonnabend, 19. November, um 13.30 Uhr an das Tuchmachergrab auf den Dahmer Friedhof ein.