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Tschernobylkinder verleben schöne Tage in Dahme

Im Hof des Seminars für kirchlichen Dienst in Dahme sind einige Jungen beim Kicken. Andere Kinder probieren Kunststücke auf dem Trampolin. Auf dem Grill brutzeln Würste. Der Dahmer Tschernobyl-Arbeitskreis veranstaltet einen Begrüßungsabend für 19 Jungen und Mädchen aus Weißrussland. Drei Wochen werden sie sich im Dahmer Land erholen. Von Carmen Berg

Die Kinder seien zwischen neun und 14 Jahren alt, so Arbeitskreis-Chefin Renate Kuhnke. „Sie werden die erste Woche im Seminar für kirchlichen Dienst in Dahme, die zweite Woche auf dem AWO-Gut in Kemlitz und die dritte Woche in der Pension Wienigk in Rietdorf verbringen“ , erzählt sie. An den Wochenenden seien die Kinder in Gastfamilien.
Olga (10) aus Bychow ist zum ersten Mal in Deutschland. Sie habe sich Dahme sehr sauber vorgestellt und mit vielen Blumen. „Alles ist genau so, wie ich es mir gedacht habe“ , sagt die Zehnjährige. Aufgefallen sei ihr bereits, dass in Deutschland die Mahlzeiten sehr pünktlich eingenommen würden. „Bei uns zu Hause ist das nicht so, da essen wir, wie wir gerade Zeit und Lust haben“ , berichtet Olga.
Sergej (11) gefällt, dass er jeden Tag Obst essen darf. Erdbeeren, Weintrauben oder auch Pfirsiche bringt der Arbeitskreis auch an diesem Abend auf die Teller. Obst und Gemüse würden die Kinder zu Hause kaum bekommen, erklärt Betreuerin Olga Pessozkaja. Zwar gebe es Früchte dort auf dem Markt zu kaufen, doch sie seien sehr teuer. „Ihr weniges Geld geben die Familien meist für Fleisch aus, weil das länger satt macht“ , sagt sie.
Für die Kinder seien die drei Wochen in guter Luft und bei gesunder Ernährung ein Segen, so die Betreuerin. Der Effekt würde lange nachwirken. Olga Pessozkaja fügt an, auch 20 Jahre nach der Reaktorkatastrophe würden die Menschen in den betroffenen Gebieten unter den Folgen leiden. „Die Zahl der krebskranken Kinder ist bei uns sogar angestiegen“ , sagt sie.
Bei der Gestaltung des Programms werde Bewegung an der frischen Luft groß geschrieben, so Arbeitskreis-Chefin Renate Kuhnke. „Ich finde es toll, dass wir so oft Schwimmen gehen“ , sagt Sergej. Aber auch der Besuch im Dahmer Tierpark und eine Führung durch die Schlossruine seien interessant gewesen.

Hilfsbereitschaft hält an
„Gewerbetreibende und Privatleute tragen mit ihren Spenden dazu bei, dass wir den Kindern schöne Tage bieten können“ , so Renate Kuhnke. Von Jahr zu Jahr würden mehr Gastronomen aus Dahme und Umgebung die Kinder zum Essen einladen, nennt Ilona Radünz vom Arbeitskreis ein Beispiel für die anhaltende Solidarität. Neben gestandenen seien neue Gasteltern für die Wochenenden hinzugekommen, ergänzt Renate Kuhnke.
Dazu gehören Anke und Jörg Bernicke mit Tochter Florentine (6) aus Dahme. Sie haben die 12-jährige Alina aufgenommen. Zwar sei sie früher in Russisch „grottenschlecht“ gewesen, sagt Anke Bernicke. Aber die Verständigung mit dem Gastkind klappe trotzdem. „Mit Händen und Füßen. Und wenn das nicht reicht, dann mit Zeichnungen.“ Alina könne wunderbar singen und Florentine spiele Geige. „Über die Musik finden die Kinder trotz des Altersunterschiedes zueinander“ , so die Dahmenserin.

Selbst Gastfreundschaft erlebt
Die Dahmer Familie Manka nimmt zum dritten Mal Gastkinder auf. „Das hat angefangen, nachdem ich mit einer Schülergruppe der Gesamtschule im Jahr 2003 in Weißrussland gewesen war“ , sagt Matthias Manka (20). „Obwohl die Leute dort sehr arm sind, richteten sie für uns ein großes Fest aus“ , erinnert er sich. Von dieser Gastfreundschaft wolle er Atjom (12), dessen Familie er damals kennengelernt hatte, nun etwas zurückgeben.
Matthias erzählt, über Pfingsten seien bereits acht weißrussische Jugendliche in Dahme zu Besuch gewesen. „Zwei Einladungen statt einer, das war unser Beitrag zum 20. Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl“ , erklärt Renate Kuhnke. Für ihn seien diese Tage etwas Besonderes gewesen, weil er Marina begegnet sei, sagt Matthias. Briefe würden nun hin und hergehen, doch er hoffe, dass er seine Freundin bald einmal wiedersehe, so der 20-Jährige.