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| 18:38 Uhr

„Sonnenallee“-Autor zu Gast in Luckau
Schöne Erinnerungen an eine unschöne Zeit

 Autor Thomas Brussig im Gespräch mit Lisa Schiller und Thyra Friedrich im Anschluss an seine Lesung aus "Am kürzeren Ende der Sonnenallee".
Autor Thomas Brussig im Gespräch mit Lisa Schiller und Thyra Friedrich im Anschluss an seine Lesung aus "Am kürzeren Ende der Sonnenallee". FOTO: LR / Liesa Hellmann
Luckau. Schriftsteller Thomas Brussig liest aus seinem Roman „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ im Luckauer Bohnstedt-Gymnasium. Von Liesa Hellmann

„Jeder Mensch hat das Recht, meine Bücher nicht zu mögen.“ Mit diesen Worten leitet Thomas Brussig am Mittwoch seine Lesung vor Schülerinnen und Schülern des Bohnstedt-Gymnasiums ein. Der Satz provoziert Gelächter und den Verdacht, dass Brussig ihn wohl nicht zum ersten Mal vor einem jungen Publikum gesagt hat.

Thomas Brussig hat seinen 1999 erschienenen Roman „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ bereits häufiger in Auszügen vor Schulklassen gelesen. Manchmal komme er sich dabei vor wie der Opa, der vom Krieg erzählt, sagt Brussig scherzhaft. Der Roman spielt, wie auch Leander Hausmanns Film „Sonnenallee“, an dessen Drehbuch Brussig mitschrieb, in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren in der DDR. Eine Zeit also, die für die 16- und 17-Jährigen im Publikum ähnlich weit zurückliegt, wie die Erzählungen der antifaschistischen Widerstandskämpfer, denen Brussig lauschen musste, als er selbst ein Schüler war, erzählt der Autor. Wie sich herausstellt, kennen fast alle Schülerinnen und Schüler den Film „Sonnenallee“, kaum jemand jedoch das Buch. Auch das hat der Autor geahnt und liest deshalb Auszüge, die nicht Eingang in den Film gefunden haben.

„Ich mache mir keine Illusionen darüber, dass diese Zeit für die Schüler weit weg ist“, sagt Thomas Brussig. Doch bereits bei den ersten Sätzen seiner Figuren, die Brussig im breiten Berliner Dialekt liest, springt der Funke über.  Das liegt auch daran, dass seine Figuren Typisierungen sind, wie der Autor im anschließenden Gespräch mit den Schülerinnen erklärt. Die Figuren rund um die Hauptfigur Michael Kuppisch, genannt Micha, sind also nicht realen Menschen nachempfunden, sondern Typen, die man kennt.

Da ist Miriam, im Buch „das Ereignis der Sonnenallee“ genannt, die so schön ist, dass sie selbst die westdeutschen Abiturienten zum ehrfurchtsvollen  Raunen bringt, die ansonsten von einer Aussichtsplattform aus Hauptfigur Micha auslachen. Da ist Michas Vater, der mit eigentümlicher Logik die Nachbarn als Stasi-Mitarbeiter enttarnt: Die Kuppischs selbst seien weder bei der Stasi, noch hätten sie ein Telefon. Die Nachbarn wiederum besäßen ein Telefon und müssten demnach Stasi-Angehörige sein. Da ist Micha selbst, der Schulschönheit Miriam wahlweise anbeten oder für sie sterben will und beim Tanzkurs eine ebenso komplizierte wie fehlerfreie Methode entwickelt, um stets den letzten Tanz mit Miriam zu ergattern.

Thomas Brussig will mit seinem Roman „die DDR so erzählen, wie sie von vielen erinnert wird, und nicht, wie sie gewesen ist". Es handle sich um „schöne Erinnerungen an eine unschöne Zeit“. Er vermisse nichts aus der DDR, vielmehr habe er den Fall der Mauer „ausschließlich als etwas Schönes, Befreiendes und Erleichterndes wahrgenommen".

Mehr noch als Brussigs Sicht auf die DDR interessiert die Schülerinnen und Schüler das Leben als Autor. Wie sieht der Alltag eines Schriftsteller aus? Fließen persönliche Erlebnisse in Brussigs Romane ein, wie wichtig ist ein literarisches Vorbild und wie gehe er eigentlich mit Schreibblockaden um, sind Fragen der 150 Zehnt- und Elftklässler. Das Schöne an einem jugendlichen Publikum sei, sagt Thomas Brussig, dass es „oft eine wirkliche Neugier am Beruf des Autors hat. Ich sitze hier auch als Lebensmodell. Lesungen in Buchhandlungen sind viel ritualisierter.“

Organisiert und großteils finanziert hat die Lesung der Förderverein des Bohnstedt-Gymnasiums. Renate Nowotnick, Vorsitzende des Fördervereins und Deutschlehrerin am Gymnasium, behandelt den Roman von Thomas Brussig sowie den Film „Sonnenallee“ in der Regel in der zwölften Klasse. „Film und Buch kommen bei den Schülern immer gut an“, sagt sie. Die Worte von Thomas Brussig zu Beginn der Veranstaltung haben sich zumindest bei der Lesung nicht bestätigt. Das Lachen und der Applaus der Schüler gaben eher Renate Nowotnick Recht.