Klein wie eine Ameise ist sie und hat nichts mit der landläufig bekannten Wespe zu tun. Die winzigen Schlupfwespen sind spezialisiert auf Nagekäferlarven. Die umgangssprachlich als Holzwürmer benannten Schädlinge machen auch vor historisch wertvollen Objekten nicht Halt. Ein Teil des Rankenschnitzwerks am 1695 gefertigten Altaraufsatz der Jetscher Kirche ist bereits abgefallen. Höchste Zeit für den Einsatz der Schlupfwespen, die dem schädlichen Vielfraß auf umweltfreundliche Weise zu Leibe rücken.

Biologe Dr. Jens Berlau hat mehrere Hundert davon in Kunststoffröhren nach Jetsch mitgebracht und setzt sie an verschiedenen Stellen des Altartisches aus. Schnell verteilen sie sich und gehen auf die Suche nach den Nagekäferlarven. "Sie nehmen deren Bewegungen im Holz wahr. Haben sie eine geortet, stechen sie durch das Holz in sie hinein und lähmen sie", erläutert der Biologe. Ihr langer, dünner Stachel durchdringt dafür das befallene Splintholz.

Wespenlarve frisst Wirtstier auf

Die Wespe legt anschließend ein Ei auf der inzwischen bewegungsunfähigen Käferlarve ab. Die Wespenlarve frisst ihren Wirt nach und nach auf. Nach 30 bis 60 Tagen schlüpft eine junge Wespe und der Kreislauf beginnt von vorn.

Der Entwicklungszyklus ist temperaturabhängig und beginnt bei etwa 15 Grad Celsius im Gebäude, findet somit nur während der warmen Monate statt. Doch während eine Nagekäferlarve zwischen zwei bis fünf Jahren für ihre Entwicklung benötigt, wächst die Population ihres natürlichen Gegenspielers deutlich schneller. Und der Mensch hilft dabei.

Seit Mai und noch bis zum Oktober werden in regelmäßigen Abständen jeweils rund 600 Tiere in der Kirche von Jetsch ausgesetzt. Parallel dazu auch in der Kirche von Friedersdorf (Gemeinde Rückersdorf, Elbe-Elster-Kreis). Dort leidet vor allem das Kirchengestühl unter massivem Holzwurmbefall.

Der Kirchenkreis Niederlausitz und die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) beschreiten mit dieser Methode zur biologischen Schädlingsbekämpfung Neuland. "Es ist ein gemeinsames Pilotprojekt, das sich über zwei Jahre erstreckt", sagt Christian-Matthias Rosenow, Baubeauftragter des Kirchenkreises.

Einhausung der Kirche vermieden

Nach Hinweisen aus den Kirchengemeinden habe im Herbst 2015 eine Begehung in beiden Gotteshäusern stattgefunden. Im Konsistorium der Landeskirche sei zunächst die allgemein übliche Bekämpfung der Holzschädlinge mit Gift oder Gas diskutiert worden. "Doch dabei werden auch Nützlinge getötet und es können Verfärbungen an der historischen Bemalung auftreten", erläutert der Baubeauftragte. Zudem muss für die Begasung das ganze Gebäude eingehaust werden und ist während der Bekämpfungszeit nicht nutzbar.

Im Internet entdeckte Rosenow einen Beitrag über die biologische Variante und nahm Kontakt zur Firma Allround Pest Control (APC AG) in Nürnberg auf. Das bayerische Unternehmen züchtet schon länger gezielt Schlupfwespen als natürliche Gegenspieler verschiedenster Schädlinge und setzt sie ein.

Zunächst mussten beide Kirchengebäude auf ihre Eignung für diese umweltfreundliche, aber mindestens zwei Jahre dauernde Art der Schädlingsbekämpfung geprüft werden. Dazu erfolgte eine erneute Begehung mit einer Firmenvertreterin sowie Fachbetreuerin Sabine Gärtner vom Bauamt der Landeskirche. Zugleich wurde der Holzwurmbefall kartiert.

Das Vorhaben bekam grünes Licht als Pilotprojekt. "Die Kosten werden zwischen Kirchengemeinden, Kirchenkreis Niederlausitz und Landeskirche aufgeteilt", sagt Christian-Matthias Rosenow, der diese rund zehn Prozent günstiger einschätzt als bei einer Begasung.

Pfarrer Martin Nikolitsch aus Golßen, der auch für die Jetscher Kirchengemeinde zuständig ist, sieht noch einen weiteren Vorteil: "Es ist sehr schön, dass kein Gift angewendet werden muss und wir die Kirche weiterhin nutzen können."

Zum Thema:
Die Firma Allround Pest Control (APC AG) in Nürnberg hat langjährige Erfahrungen in der biologischen Schädlingsbekämpfung, beispielsweise beim Befall von Mehlmotten, Blattläusen und Messingkäfern. Dass eine Art Schlupfwespen auch als natürlicher Feind des Gemeinen Nagekäfers (Anobium punctatum) in der Natur auftritt, ist laut Dr. Jens Berlau schon länger bekannt. Doch erst durch umfangreiche Laborversuche, Massenzucht und umfangreiche Testreihen konnte eine effektive Methode zur Bekämpfung des Holzwurms entwickelt werden. Diese beinhaltet eine Analyse des Befalls und während des Einsatzes der parasitären Insekten eine regelmäßige Erfassung der Veränderungen. Erste Ergebnisse der Aktion in den zwei Niederlausitzer Kirchen in diesem Jahr werden nach Angaben des Biologen im Herbst ablesbar sein. bkh1