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| 13:25 Uhr

Aus dem Gerichtssaal
Staatsanwältin fordert fünfeinhalb Jahre Haft für Luckauerin

Luckau/Dessau. 23-Jährige muss sich wegen schweren Raubes in zwei Fällen verantworten. Urteil wird am 14. November gefällt. Maßregelvollzug ist wahrscheinlich.

Von Andreas Behling

Fünf Jahre waren für Staatsanwältin Marika Bahr das Minimum. Am Ende erhöhte sie diese Forderung maßvoll. Für fünfeinhalb Jahre soll eine junge Frau, die zuletzt im brandenburgischen Luckau wohnte, in Haft. Allerdings muss die 23-Jährige höchstwahrscheinlich gar nicht in den regulären Strafvollzug einziehen. Folgt die 2. Strafkammer des Landgerichts Dessau-Roßlau den Anträgen von Staatsanwaltschaft und Verteidiger Sven Schneider - das Urteil wird am 14. November gefällt -, dann bleibt es für die Angeklagte wegen ihrer Drogenabhängigkeit beim Maßregelvollzug. Diesen trat sie am 6. Dezember vorigen Jahres in Bernburg (Salzlandkreis) an.

Verurteilt werden wird die gebürtige Magdeburgerin wegen schweren Raubes in zwei Fällen. Die Taten, an denen Kumpels, die sie aus dem Drogenmilieu kannte, zumindest beobachtend teilnahmen, hatte sie am 3. und 23. März 2016 im Landkreis Anhalt-Bitterfeld verübt. In beiden Fällen hatte sie zuvor synthetische Drogen konsumiert. Zunächst zwang sie auf der Bitterfelder Binnengärtenstraße ein ihr völlig unbekanntes Opfer, einen damals 14-jährigen Schüler, zur Herausgabe von 20 Euro. Dabei drohte sie, ein in ihrem Rucksack verborgenes Klappmesser zum Einsatz zu bringen.

Knapp drei Wochen darauf - ebenfalls am helllichten Tag - hielt sie in Pouch (Muldestausee) einem jungen Mann, den sie gegen eine Hauswand drückte, eine Spraydose vor das Gesicht. In der Sorge, ihm sollte Pfefferspray in die Augen gesprüht werden, händigte er der aggressiven Angreiferin sein Handy und fünf Euro aus. Für das Telefon fand die Luckauerin recht schnell einen Abnehmer. Der gab ihr Geld, von dem sie Crystal und Ecstasy erwarb. Eine Restsumme - die Hoffnung trog, dass sich der Betrag vermehren würde - gab sie in einer Spielothek aus. „Das fand alles so statt“, sagte die 23-Jährige. Allerdings sei in der Sprühdose Farbe gewesen.

In der juristischen Einordnung machte die Anklagevertreterin auf mehrere Punkte aufmerksam, welche die Vorwürfe abmildern. „Es sprang eine relativ geringe Beute heraus. Und es wurde keine tatsächliche körperliche Gewalt ausgeübt“, sagte Marika Bahr. „Das waren nicht die ganz hässlichen, üblen Überfälle.“ Zudem dürfe die schwere Abhängigkeit der Angeklagten von Betäubungsmitteln nicht unbeachtet bleiben. Gleichwohl seien gegenüber den Opfern Druckmittel eingesetzt worden, um eigene Bedürfnisse zu befriedigen. Positiv müsse der 23-Jährigen angerechnet werden, dass sie die Taten „unumwunden“ gestand. Andererseits fallen die einschlägigen Vorstrafen belastend ins Gewicht. „Das ist schon eine strafrechtliche Karriere sondergleichen. Das sieht man nicht so oft.“

Die Vorsitzende Richterin Uda Schmidt hatte die elf Eintragungen im Bundeszentralregister ausführlich vorgetragen. So gehörte die Angeklagte zu einer Gruppe, die im Magdeburger Stadtteil Olvenstedt einen Taxifahrer überfiel. An einer Haltestelle südlich des Magdeburger Klinikums trieb sie als Mitglied einer Gang darüber hinaus einen 74-jährigen Rentner aus einer Straßenbahn, um ihn zu berauben. Und an der Vorderfront des Allee-Centers der Landeshauptstadt wollte sie einem ehemaligen Mitschüler die gerade erst gekauften Sportschuhe abnehmen. „Sie haben sich sehr zielgerichtet entweder alte oder sehr junge Opfer ausgesucht, die sich nicht sonderlich wehren konnten“, hielt Marika Bahr der Angeklagten vor.

Zuvor hatte der Facharzt Philipp Gutmann die junge Frau nicht nur als behandlungsbedürftig, sondern auch als motiviert beschrieben. Sie mache inzwischen einen Prozess der Nachreife durch, der von ersten Erfolgen gekennzeichnet sei. Außerdem könne sie zunehmend das eigene Verhalten reflektieren. Dass sie die Schuld anderen Personen oder ungünstigen Umständen zuschiebe, sei nicht mehr der Fall. Schon als sehr kleines Mädchen - im Alter von zwei Jahren -, kam sie zur ersten von mehreren Pflegefamilien. Der Sachverständige konstatierte bei der Frau aus Luckau keine krankhaften seelischen Störungen. Jedoch habe sich eine Polytoxikomanie ausgebildet. Die Angeklagte habe es als notwendig erachtet, sich illegale Suchtmittel zu verschaffen. Mit der Zeit bildete sich ein Borderline-Typ heraus. Dieser sei gekennzeichnet durch die Tendenz zu unbedachtem Handeln und emotionale Schwankungen. „Solche Menschen können in Konfliktsituationen nicht ruhig bleiben“, sagte der Experte.

Aufgrund der bereits laufenden Therapie seien indes Fortschritte erkennbar. Er gehe von „hinreichend konkreten Erfolgsaussichten“ aus. Auf Nachfrage der Richterin sagte Gutmann, die Therapiedauer würde er „im oberen Bereich“ ansiedeln. Das sah auch Verteidiger Schneider so. „Wenn ich die Klinik richtig interpretiere, geht man dort von mindestens zweieinhalb Jahren aus“, sagte er. Seine Mandantin, die er seit 2008 in mehreren Verfahren vertrat, erklärte: „Ich komme im Maßregelvollzug weiter. Das hilft mir.“