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| 17:46 Uhr

Geschichten stricken
Höllberghof: Ohne Spinnteabend geht es nicht

 Rund 20 Damen treffen sich regelmäßig in der Höllbergschenke des Höllberghofes in Langengrassau zum Spinnteabend. Neben dem kleinen Handwerk, welches traditionell verrichtet wird, gibt auch viele Geschichten und leckere Kleinigkeiten.
Rund 20 Damen treffen sich regelmäßig in der Höllbergschenke des Höllberghofes in Langengrassau zum Spinnteabend. Neben dem kleinen Handwerk, welches traditionell verrichtet wird, gibt auch viele Geschichten und leckere Kleinigkeiten. FOTO: Benjamin Wepprich
Langengrassau. Der Winter ist die Zeit der Handarbeit, Geschichten, Nachrichten und des guten Essens. Die Tradition lebt in der Schenke fort. Von Benjamin Wepprich

„Man kann überhaupt nicht mehr ohne!“ Das hat Gisela Daniel anlässlich der seit 1993 regelmäßig stattfindenden Spinnteabende auf dem Höllberghof in Langengrassau am Freitagabend festgestellt. „Wenn der Herbst zu Ende geht, bekommen wir schon langsam Entzugserscheinungen und hoffen, dass die Spinnteabende bald endlich wieder losgehen“, ergänzt sie.

Ging es früher mehr oder weniger darum, „die Aussteuer handwerklich herzustellen“, so liegt das Hauptaugenmerk der Veranstaltungsabende heute auf dem Austausch und der Geselligkeit. „Früher waren viele junge Mädchen dabei, um an das Handwerk herangeführt zu werden. Die Spinnte begann immer im Herbst, nach der letzten Ernte, und zog sich dann ungefähr bis Ostern, bis das Leben auf den Gehöften wieder richtig begann“, erläutert Marianne Balzer. „Die Leute hatten damals in den Wintermonaten, also nach der Ernte, weniger zu tun und verabredeten sich abwechselnd bei anderen Bauern in den Stuben.“

Für Veranstaltungen dieser Art ist die Höllbergschenke ein zentraler Treffpunkt. Neben der besagten Handarbeitstätigkeit wurde nicht nur Gastlichkeit zelebriert, sondern auch aufgetischt. Reichlich gedeckt war mit allerlei Mitgebrachtem. Ob herzhaft, süß, frisch gekocht oder gebacken – immer wieder wurde nachgeschenkt, während hauptsächlich Socken und Strümpfe in allen Farben, Formen und Größen entstanden.

„Ich komme schon sehr lange zu diesen Abenden. Mir gefällt es hier und es ist immer lustig und gesellig. Wir erfahren untereinander immer wieder etwas Neues“, zieht Ingrid Döring eine ganz persönliche Bilanz.

Doch auch ganz allgemein herrschte vorzügliche Stimmung im Gastraum. Den selbstironischen Sprüchen folgte mitunter lautes Lachen, und so fühlte man sich auch als Gast in der Gesellschaft willkommen. Etwaige Neujahrsvorsätze wurden auf eine harte Probe gestellt und brachen unter dem Charme der Damen letztlich lautlos zusammen.

Phasen des Zuhörens wechselten sich mit dem Berichten der neuesten Vorkommnisse rege ab. Rezepte wurden ausgetauscht, in Erinnerungen geschwelgt und Lebensweisheiten ausgelobt - Verlobungs- oder Hochzeitsgeschichten erzählt, aktuelle Todesanzeigen still durchgereicht.

Nach gemeinschaftlicher Stärkung wichen die Teller und Tassen wieder der kleinen Handarbeit mit Wolle und Garn. Strick-, Häkel- und Stopfwerke hatten auf dem Schoß geruht und beherrschten nun wieder den Tisch.

Mit guten Stopftwist bewaffnet waren beispielsweise Irmgard Loos und Sieglinde Köckritz. Sie waren vor vier Jahren das erste Mal dabei, und weil es ihnen seither so viel Freude bereitete, auch dieses Mal wieder anzutreffen: „Wir sind wegen der Gemütlichkeit hier und weil es viel Spaß bereitet, in der Runde Handarbeit zu machen. Wir stopfen unsere selbstgestrickten Socken, die wir noch nicht wegwerfen wollten, nur weil sie ein paar kleine Löcher haben.“

Das Stopfen und die Sparsamkeit, verbunden mit wirtschaftlichem Denken, hätten sie noch von ihren Müttern gelernt. „Wir würden unsere Fertigkeiten und das Handwerk gern an die jüngere Genration weitergeben“, wünschten sich die beiden. Doch bisher bestehe dort leider kein Interesse daran.