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| 12:52 Uhr

Historische Stadtkerne
Sommertheater mit Gegenwartsbezug

 Der zweiteilige Bühnenaufbau  setzte besondere Akzente. Hier wird Olmers (r.) noch für den hochherrschaftlichen Gast gehalten.
Der zweiteilige Bühnenaufbau  setzte besondere Akzente. Hier wird Olmers (r.) noch für den hochherrschaftlichen Gast gehalten. FOTO: Birgit Keilbach
Theater 89 lockte mit der Komödie „Die deutschen Kleinstädter“ das Publikum zahlreich vor die Dahmer Schlossruine. Von Birgit Keilbach

„Das Gewöhnliche, Alltägliche wird immer das größte Publikum haben.“ Ein durchaus treffendes Zitat Theodor Fontanes, das die Theaterleute an den Anfang ihres Gastspiels in der Flämingstadt stellten. Denn das „Theater 89“ bot am Freitagabend vor der Dahmer Schlossruine seine zehnte Auflage und erlebte einen Besucherrekord. Knapp 250 Zuschauer kamen, um sich vor der historischen Kulisse die irrwitzige Komödie „Die deutschen Kleinstädter“ anzuschauen.

August von Kotzebue (1761-1819) hielt darin dem kleinbürgerlichen Standesdünkel seiner Zeitgenossen den Spiegel vor.

Die Akteure des Wandertheaters auf Sommertournee in Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft „Städte mit historischen Stadtkernen“ Brandenburgs setzten den historischen Stoff mit gut verpacktem Gegenwartsbezug um. Pointenreiche Situationskomik, treffliche Wortspiele, Slapstick, Pantomime und Lieder ließen das Publikum einen vergnüglichen Abend erleben.

Die Geschichte rankt sich um die Bürgermeister-Tochter Sabine (Kristin Schulze), die sich in der Residenzstadt in den ganz gewöhnlichen und titellosen Karl Olmers (Christian Schaefer) verliebt hat, aber den Bau-, Berg- und Weginspektors-Substitut Sperling (André Zimmermann) heiraten soll. Als der Großstädter im verschlafenen Krähwinkel auftaucht, wird er zunächst für den König incognito gehalten, was Großmutter, Tanten und Onkel in große Aufregung versetzt. Herrlich, wie die Damen atemlos nach Luft schnappen. Bürgermeister Nicolaus Staar (Matthias Zahlbaum) rühmt sein Städtchen: „Wir haben hier zwei gepflasterte Straßen“, was für kräftigen Szenenbeifall der Dahmenser ob eigener Erfahrungen mit dem Thema sorgt.

Schließlich klärt Sabine den von ihr selbst verursachten Irrtum auf, und nun ist für die Spießbürger der ganze Glanz eines hochherrschaftlichen Besuchs dahin. Kräftig ziehen die Damen „Frau Untersteuereinnehmerin, Frau Oberfloß- und Fischmeisterin, Frau Stadtakzisekasseschreiberin“ und „Herr Vizekirchenvorsteher“, der ein einfacher Gewürzkrämer ist, über Olmers her: Keine Sitte, keine Lebensart und vor allem – Kein Titel!

„Zu meiner Zeit wurde das Alter in Ehren gehalten“, entrüstet sich vor allem die Großmutter,  Frau Untersteuereinnehmerin Staar (Sonja Hilberger), die von Olmers nur „Madam“ genannt wird.

Dennoch bittet der Großstädter den Bürgermeister formvollendet um die Hand seiner Tochter. Der Familienrat beschließt: „Nein, er bekommt sie nicht.“ Denn in dem Städtchen, wo alle Inhaber gehobener Positionen miteinander verschwägert sind, ist doch „ein Fremder eine Raubbiene im biederen Bienenstock.“

Köstlich die Szenen, in denen Sabine im doppeldeutigen Dialog mit Olmers den Sperling auflaufen lässt. Großen Applaus erhielten die zwei Kinder Jakob und Elia für ihre herzerfrischende Rezitation vom Heidenröslein, denn Kotzebue war ein Zeitgenosse Goethes. Wie immer gab es einen stimmungsvollen Ausklang mit bekannten Liedern zum Mitsummen und –singen.

Die Dahmenserin Heike Schmieder erlebte das Theater 89 erstmals. „Bekannte haben davon geschwärmt, und ich habe heute schon herzlich gelacht. Die Kulisse mit dem Schloss ist einmalig.“ Begeistert war auch Antje Bruhn: „Das Stück ist sehr zeitgemäß, vieles trifft auch heute noch zu. Hochachtung vor der Leistung der Schauspieler, alles ohne Mikro war gut zu hören“, sagte sie. Einfach großes Theater für die Provinz sei hier jedes Mal zu erleben, urteilte Manfred Schmiedchen aus Wahlsdorf. Für den Schulleiter der Dahmer Oberschule, Henri Kuhl, war das Sommertheater „einfach wunderschön mit vielen Parallelen zur heutigen Zeit.““

Schauspielerin Sonja Hilberger gehört seit 18 Jahren zum Theaterteam, ist jedoch erstmals auf Sommertournee dabei und war begeistert: „Das Publikum war sehr aufmerksam, die Zuschauer sind wunderbar mitgegangen und haben toll reagiert.“ Die zwei neunjährigen Darsteller Elia und Jakob fassten ihren Eindruck kurz: „Es war richtig schön hier.“

 Der zweiteilige Bühnenaufbau  setzte besondere Akzente. Hier wird Olmers (r.) noch für den hochherrschaftlichen Gast gehalten.
Der zweiteilige Bühnenaufbau  setzte besondere Akzente. Hier wird Olmers (r.) noch für den hochherrschaftlichen Gast gehalten. FOTO: Birgit Keilbach