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| 13:02 Uhr

Senftenberger bewahrt die gepresste Lausitzer Geschichte

Kleine Schätze aus der Kohle: Der Senftenberger Dieter Kretschmann sammelt seit 1994 Zierbriketts. Sein Traum: Er möchte die Sammlung irgendwo im Revier ausstellen und sie der Nachwelt zugänglich machen.
Kleine Schätze aus der Kohle: Der Senftenberger Dieter Kretschmann sammelt seit 1994 Zierbriketts. Sein Traum: Er möchte die Sammlung irgendwo im Revier ausstellen und sie der Nachwelt zugänglich machen. FOTO: Klein
In der Wohnung des Senftenbergers Dieter Kretschmann lebt die Bergbaugeschichte. In jeder freien Ecke finden sich die Zeichen der Blütezeit im Lausitzer Revier. Akribisch sammelt er Zierbriketts aus mehr als einem Jahrhundert Bergbau – stumme Zeugen einer vergangenen Epoche. Auf mehr als 3000 hat er es schon gebracht – und noch fehlen viele. Kretschmann will dieses Stück Geschichte am Leben erhalten. Sein Ziel: Die Sammlung soll in der Region ausgestellt werden. Von Sascha Klein

Im Garten begann die Sammel-Leidenschaft von Dieter Kretschmann. Als 1994 ein Sammler aus dem Rheinland vor seiner Tür stand und ihm eines seiner 20 Briketts abschwatzen konnte, kam er aus dem Staunen nicht mehr heraus: "Da macht der den Kofferraum auf, und es liegen tausende Briketts dort drin. Da dachte ich: Das darf hier nicht wegkommen", erinnert sich Kretschmann. Also legte der Wahl-Senftenberger los. In der früheren Laubag-Zentrale in Brieske – seinem damaligen Arbeitsplatz – machte er die Kollegen scharf: Alles, was Brikett ist – bitte
rauslegen. "Innerhalb einer Woche hatte ich 100 Stück zusammen", erzählt der 63-Jährige. In den vergangenen 100 Jahren wurden die Schmuckbriketts zu Hunderttausenden gepresst, zu DDR-Zeiten meist zu Feier- oder Jahrestages.
Kretschmann knüpfte Kontakte gen Westen, zu den größten Sammlern der kleinen Bergbau-Relikte. Dort entdeckte er auch ein erstes lückenhaftes Inhaltsverzeichnis. Bis dato hatte sich niemand die Mühe gemacht, alle Sonderpressungen exakt zu katalogisieren. Der Sammler kopierte sich Seite für Seite, stellte eine eigene Mappe her: nach Ort des Aufdrucks, Anlass, Jahrestag, Organisation. Das Problem: Viele Briketts haben gleiche Vorder-, aber verschiedene Rückseiten. "An dem Katalog habe ich 400 bis 600 Stunden gearbeitet", erzählt er. Jetzt kann
man genau verfolgen, welche Prägungen in rund 120 Jahren entstanden sind. Manche hat es nie offiziell gegeben, sie wurden während diverser Nachtschichten gefertigt. Hin und wieder gab es auch ein Malheur. 1976, im Vorfeld des IX. Parteitages der SED, war den Machern beim Druck ein Schreibfehler unterlaufen. Diese Briketts sind heute heiß begehrt. "Eigentlich wollte ich nur die Kleinen sammeln und mit den Großen gar nicht anfangen", so Kretschmann Doch dann schlossen die Lausitzer Brikettfabriken nach und nach, für den Sammler wurden die Quellen knapp. Es sprach sich herum, dass es einen gibt, der diese Schätze hortet. Über einen Bekannten hat er ein Dutzend Stücke aus der Brikettfabrik Deuben bei Zeitz bekommen: "Das war dann wie Weihnachten und Silvester auf einen Tag", sagt er. Inzwischen ist die Sammelei richtige Arbeit. Wer 3000 Kohlen hat, dem fehlen nur noch spezielle Stücke.
Oftmals fährt Kretschmann hunderte Kilometer und bringt drei oder vier neue mit.
"Hier hat jedes Brikett seine eigene Geschichte", fachsimpelt er. Die Serie "40 Jahre DDR", Kretschmann hat natürlich auch eines dieser Exemplare, sei gar nicht mehr in den Umlauf gekommen. Einen weiteren hat er für seinen Ex-Chef, den früheren Laubag-Vorstandschef Dieter Schwirten, 1998 zum Abschied besorgt. Immer wieder bekommt der 63-Jährige auch Briketts von Bekannten. Die arbeitet er sorgfältig auf, tränkt sie zum Aushärten in einer speziellen Lösung, lackiert und bemalt sie. Seine Prunkstücke sind mehr als 100 Jahre alt: die Steine mit
dem Bockwitzer Bock entstanden zwischen 1898 und 1900. Heute bildet Bockwitz das Zentrum von Lauchhammer.
Kretschmann sammelt jedoch nicht allein für sich: "Ich möchte meinen 1994 gefassten Beschluss in die Tat umsetzen: Ich will, dass die Ausstellung allen zugänglich ist." Eine Dauerleihgabe strebt er an, irgendwo im früheren Revier. Dort, wo ein Großteil der Briketts gepresst worden sind. Dafür kämpft der Senftenberger. Einen großen Raum, 35 bis 40 Quadratmeter Wandfläche, und mehrere Regale braucht er dazu. "Im Internet könnte ich hunderte Euro mit seiner Sammlung verdienen." Doch daran denkt der Sammler nicht. "Viele Leute haben sich nur schweren Herzens von ihren Steinen getrennt. Ich habe mir geschworen, sie der Nachwelt zugänglich zu machen." Eines von 3000: "Hier hat jedes Brikett seine eigene Geschichte", sagt Sammler Kretschmann.

Kleine Schätze aus der Kohle: Der Senftenberger Dieter Kretschmann sammelt seit 1994 Zierbriketts. Sein Traum: Er möchte die Sammlung irgendwo im Revier ausstellen und sie der
Nachwelt zugänglich machen. Fotos: Klein