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| 01:10 Uhr

SED-Opfer holen sich Rat in Dahme

Dahme.. Innerhalb von drei Stunden haben 15 Ratsuchende die Sprechstunde von Reiner Schult im Dahmer Rathaus genutzt. „Das ist viel für eine Kleinstadt“ , erklärt Schult, Mitarbeiter des Berliner Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen im Land Brandenburg. Carmen Berg

Einmal in der Woche tourt er von Nord bis Süd durch Brandenburg, um Menschen, die SED-Unrecht erlitten haben, zur Rehabilitierung zu beraten.
Schicksale bekomme er zu hören, die mehr als 15 Jahre nach dem Mauerfall noch immer betroffen machen, sagt Reiner Schult. Ihn stimme es nachdenklich, wenn angesichts wirtschaftlich schwieriger Zeiten das untergegangene System inzwischen wieder nostalgisch verklärt werde. Wer zu ihm komme, habe andere Erfahrungen im SED-Staat gemacht, sagt der Berater.

Gestohlenes Leben
Er erzählt von dem Mann, der als Totalverweigerer des Dienstes an der Waffe 20 Monate inhaftiert gewesen sei. „Das ist nicht nur verronnene Lebenszeit im Knast. Der gesamte Lebensweg hat einen Knick erfahren. Ein Studium aufzunehmen und beruflich weiterzukommen, hatte sich für den Betroffenen erledigt“ , erklärt Schult.
Es gebe gesetzliche Möglichkeiten der Rehabilitierung für Menschen, die aus politischen Gründen inhaftiert gewesen sind, sagt Schult. Ebenso könnten Bürger der ehemaligen DDR rehabilitiert werden, die aus politischen Gründen ihren Beruf aufgeben mussten oder von Verwaltungsentscheidungen betroffen waren, die der politischen Verfolgung gedient haben.
„Die meisten Anfragen beziehen sich auf berufliche Einschnitte“ , berichtet der Berater. Es sei für die Opfer eine Besserstellung bei der Rente möglich, erklärt er. „Was aber tatsächlich durch den Karriereknick ausgefallen ist, bekommen die Leute nicht wieder“ , benennt Schult ein Problem.
Er erzählt die Geschichte eines Mannes, der wegen Diebstahls an sozialistischem Eigentum zu drei Jahren Haft verurteilt worden sei. In seinem Betrieb hatte er heimlich Konverter gebaut, mit denen das zweite Programm des Westfernsehens empfangen werden konnte. „Der Materialwert lag bei 40 Ostmark“ , sagt Schult. „In diesem Fall ist es eindeutig gewesen, dass das Urteil dazu in keinem Verhältnis gestanden hatte. Deshalb ist eine Rehabilitierung erfolgt“ , erklärt er.
Er bedaure, sagt Schult, dass Brandenburg als einziges ostdeutsches Bundesland keinen eigenen Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen habe. Zwar gebe es die Rehabilitierungsbehörde beim Innenministerium, doch die könne nicht das gesamte Problemspektrum abdecken. Viele Anfragen, auch bei der Beratung in Dahme, betreffen die Einsicht in die Stasi-Akten, sagt Schult.
Noch immer gingen 80 000 bis 90 000 Anträge auf Akteneinsicht jährlich bei der Bundesbehörde ein, berichtet er. Dass mancher sich Jahre Zeit lässt, wundert Reiner Schult nicht. „Teils mussten traumatische Erlebnisse erst einmal aufgearbeitet werden. Andere Menschen haben nach der Wende ihr Leben völlig neu ordnen müssen und finden erst jetzt die Muße, sich um die Dinge zu kümmern, die schon lange auf der Seele brennen“ , berichtet der Berater von seinen Erfahrungen.

Noch viel zu erforschen
Oft würden Anträge zum wiederholten Mal gestellt, weil Bürger nicht glauben wollten, dass keine Akten über sie vorhanden seien, sagt er. „Ich verweise dann auf die Säcke von Unterlagen, die bei der Behörde noch auf Entschlüsselung warten“ , sagt er. Er wundere sich, so Schult, wie selten einander im Familien- oder Bekanntenkreis Akten gezeigt würden. „Ich rate dazu, das zu machen, weil sich gerade daraus oftmals konkrete Hinweise ergeben“ , sagt er.
Reiner Schult ist einer, der weiß, wovon er spricht. „Ich selbst habe von Anfang an wissen wollen, wer mich bespitzelt hat“ , erzählt er. Herausgekommen sei bei ihm ein Zeit- und Lebensdokument. „Wenn ich wissen will, was ich wann gemacht habe, könnte ein Tagebuch mir nicht besser Auskunft geben“ , sagt Reiner Schult.

Ratsuchende zur Rehabilitierung von SED-Unrecht können sich an die Rehabilitierungsbehörde beim Innenministerium wenden. Ansprechpartnerin ist Barbara Radtke (0331/866-23 98 oder E-Mail: barbara.radtke@mi.branden burg.de)