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| 18:51 Uhr

Traditionspflege
Knusprige Klemmkuchen auf Omas Art

 Viola und Matthias Ernst, Inge und Klaus Dittschlag sowie Dorothea und Lothar Woitschätzky (v.l.) backen seit 20 Jahren auf Traditionsfesten Klemmkuchen über dem offenen Feuer nach Omas Art.
Viola und Matthias Ernst, Inge und Klaus Dittschlag sowie Dorothea und Lothar Woitschätzky (v.l.) backen seit 20 Jahren auf Traditionsfesten Klemmkuchen über dem offenen Feuer nach Omas Art. FOTO: LR / Carmen Berg
Schwebendorf. Seit 20 Jahren lassen Schwebendorfer Schaubäcker eine alte Flämingtradition neu aufleben. Mit alten Eisen und Freude am Genuss. Von Carmen-Sylvia Berg

Die Klemmkuchen werden wie zu Omas Zeit auf mehrere Kilo schweren Eisen über dem offenen Feuer gebacken. Die knusprigen goldbraunen Rundstücke- meist heiß zu Tüten gerollt und mit Sahne gefüllt –  gehörten bis in die 1960er Jahre in den Flämingdörfern zu jeder Fastnachtszeit.

„Ganze Wäschekörbe gab es dann davon“, erinnert sich die Schwebendorferin Dorothea Woitschätzky. Vor 20 Jahren ließen einige Dorfbewohner den alten Brauch neu aufleben. Unlängst haben die Klemmkuchenfreunde das 20-jährige Bestehen ihrer Gruppe mit Nachbarn und Freunden auf dem Dorfanger begangen.

 Das jüngste Klemmkucheneisen hat Klaus Dittschlag selbst gefertigt.
Das jüngste Klemmkucheneisen hat Klaus Dittschlag selbst gefertigt. FOTO: LR / Carmen Berg

Fotos erzählen von den Anfängen. In Knippelsdorf (Elbe-Elster), dem Heimatdorf von Matthias Ernst, hatten Liebhaber ländlicher Traditionen schon in den 1990er Jahren mit dem Klemmkuchenbacken auf alte Art begonnen und trugen Deutsche Meisterschaften aus. Bei den Schwebendorfern fragten sie an, ob sie mitmachen wollten. „Wir haben gleich zugesagt“, blickt Viola Ernst zurück.

Inge Dittschlag muss im Nachhinein über den Enthusiasmus schmunzeln. „Ich hatte von Klemmkuchen keine Ahnung Denn in der Finsterwalder Gegend, wo ich aufgewachsen bin, kannten wir das nicht“, erzählt sie. So wurde in Rezepten von Müttern und Großmüttern gestöbert und probiert. Erstmals öffentlich gab es die Knusperrollen der Gruppe beim Schwebendorfer Dorffest 1999 zu kosten.

  Gern zeigt Elise (10) die knusprigen Rollen und ihre schmucke Flämingtracht.
Gern zeigt Elise (10) die knusprigen Rollen und ihre schmucke Flämingtracht. FOTO: LR / Carmen Berg

Ein Kilo Mehl, ein Liter Milch, ein Liter Wasser und Gewürze sind die Zutaten für den dünnflüssigen Teig, aus dem etwa 50 Klemmkuchen werden, sagt Dorothea Woitschätzky. Wie früher habe jede Bäckerin ihre eigene Rezeptur. „Und es spielen viele Faktoren eine Rolle, ob der Teig gelingt. Mitunter sogar das Wetter“, sagt Matthias Ernst.

Ihre Eisen haben die Traditionsbäcker im Familien- und Bekanntenkreis zusammengetragen. Das älteste stammt von 1839, erzählt Matthias Ernst. Jedes ist ein Beispiel bäuerliche Handwerkskunst und wurde vom Dorfschmied gefertigt, wie Klaus Dittschlag zu berichten weiß. Das jüngste, anno 2019, hat der geschickte Tüftler allerdings mit eigenen Händen gemacht – als ganz spezielle Erinnerung an das runde Jubiläum.

Die Geschichte des knusprigen Gebäcks reicht weit zurück. Seinen Ursprung hatte es vermutlich in Flandern, von wo es die Vorfahren, die im 12./13. Jahrhundert  den Fläming besiedelten, mitbrachten, erklärt Dahmes Museumsleiter Tilo Wolf. Das Haus am Töpfermarkt verfügt über eine Sammlung von 80 Eisen. Die älteste Darstellung des Klemmkuchenbackens im Museum ist auf der Reproduktion eines Bildes des niederländischen Malers Peter Bruegel zu sehen, das zwischen 1525 und 1530 entstand.

Die Backform ähnelt einer großen Schmiedezange, an deren Enden zwei Platten angebracht sind. Auf den Innenseiten sind sie mit der Jahreszahl, darüber hinaus auch oft mit Symbolen, Sprüchen oder dem Namen der Frau verziert, für die das Eisen bestimmt war.  Klemmkucheneisen hätten zur Aussteuer gehört und seien von den Müttern auf die Töchter vererbt worden, so Tilo Wolf. „Jedes erzählt eine Geschichte, deshalb ist die Klemmkuchenbäckerei eine spannende Zeitreise“, sagt Matthias Ernst.

Ob beim Erntedankfest auf dem Höllberghof, beim Dahmenr Weihnachtsmarkt oder anderen Festen sind die Knusperrollen der Schwebendorfer begehrt. Bei der Arbeit kommen sie oft mit den Besuchern ins Gespräch. Inge Dittschlag erinnert sich an Gäste aus dem Berliner Raum, die die Leckerei noch von der Oma kannten und sich freuten, sie  nach Jahren mal wieder zu essen. Dorothea Woitschätzky hörte von Standbesuchern aus Köln, dass die Knusperrollen auch dort ein Begriff  seien. „Nur heißen sie Piepkuchen, weil die schweren Eisen beim Zusammendrücken piepen.“

Aber nicht nur das Handwerk zieht Blicke auf sich, immer ein Hingucker sind die Bäckerinnen in ihren Flämingtrachten. Teils sind sie von den Müttern ererbt, teils aber auch in aufwändiger Handarbeit detailgetreu nachgeschneidert. Die Männer sind wie einstmals Opa herausgeputzt mit weißem Hemd. Inge Dittschlag hat ihrem Mann zum Jubiläum ein Leinenhemd genäht. „Den Leinenballen habe ich noch von der Mutter, sie war Jahrgang 1920“, erzählt die Schwebendorferin.

Altes Handwerk zu bewahren, mache Mühe, darin sind sich die Akteure einig. Aber es sei doch auch wichtig zu bewahren, wie es früher einmal war, findet Dorothea Woitschätzky. Mit ihrer Begeisterung für heimatliche Traditionen und Trachten haben die Schaubäcker schon die nächsten Generationen angesteckt. Stolz posiert Woitschätzkys Enkelin Elise beim Jubiläum in ihrer Kindertracht. „Das sieht schön aus und ist mal was anderes“, sagt die Zehnjährige. Für das Backen sei sie zwar noch zu jung. „Aber später will ich das auch mal machen.“

 Viola und Matthias Ernst, Inge und Klaus Dittschlag sowie Dorothea und Lothar Woitschätzky (v.l.) backen seit 20 Jahren auf Traditionsfesten Klemmkuchen über dem offenen Feuer nach Omas Art.
Viola und Matthias Ernst, Inge und Klaus Dittschlag sowie Dorothea und Lothar Woitschätzky (v.l.) backen seit 20 Jahren auf Traditionsfesten Klemmkuchen über dem offenen Feuer nach Omas Art. FOTO: LR / Carmen Berg
 Das jüngste Klemmkucheneisen hat Klaus Dittschlag selbst gefertigt.
Das jüngste Klemmkucheneisen hat Klaus Dittschlag selbst gefertigt. FOTO: LR / Carmen Berg
  Gern zeigt Elise (10) die knusprigen Rollen und ihre schmucke Flämingtracht.
Gern zeigt Elise (10) die knusprigen Rollen und ihre schmucke Flämingtracht. FOTO: LR / Carmen Berg