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| 14:14 Uhr

Spannende Historie
Eine Pfarrerstochter erzählt

Sabine Groh lebt heute in leipzig. Der alten heimat blieb sie eng verbunden.
Sabine Groh lebt heute in leipzig. Der alten heimat blieb sie eng verbunden. FOTO: Sabine Groh
Zützen. 1000 Jahre Zützen: Sabine Groh hat ein Buch zur Geschichte ihres Heimatdorfes geschrieben. Von Carmen Berg

Das 1000-jährige Bestehen von Zützen feiern die Einwohner in diesem Jahr. Zum Jubiläum hat Sabine Groh, Tochter des früheren Dorfpfarrers Heinz Schulz, ein Taschenbuch veröffentlicht, das die Geschichte des Ortes auf spannende Weise Revue passieren lässt. In einer Zeitspanne von den 1940er Jahren bis heute zeigt sie, wie große Politik den Alltag und das Schicksal der kleinen Leute im Dorf bestimmt hat. Zugleich stellt die Autorin Bezüge zur Vergangenheit her, beschreibt das Leben der Adelsgeschlechter in und um Zützen bis zu deren Vertreibung nach dem zweiten Weltkrieg.

Sabine Grohs Eltern kommen 1945 nach Zützen, wo sie ein Jahr später als Älteste von fünf Geschwistern das Licht der Welt erblickt. Als sie in die siebte Klasse geht, zieht die Pfarrersfamilie um ins benachbarte Kasel-Golzig. Nach dem Abitur verlässt die junge Sabine die Region, studiert Gastronomie in Leipzig, wird dort sesshaft mit ihrem Mann, einem Bauingenieur, und den Kindern. Immer schwerer wird es den Eheleuten, sich mit dem SED-Staat zu arrangieren. Sie stellen einen Ausreiseantrag, dürfen nach drei Jahren schließlich 1987 in den Westen gehen und kehren doch vor 13 Jahren aus beruflichen Gründen nach Leipzig zurück, „obwohl ich da eigentlich nie wieder hinwollte“, wie Sabine Groh gesteht.

Dass aus der Pfarrerstochter keine Angepasste wurde, wurzelt wohl schon in den Kinder- und Jugendjahren, über die sie in ihrem Buch „Dorf Zützen - Aus Liebe zur Heimat“ erzählt. Das Dorf, in dem sie aufgewachsen ist, hat sie nie vergessen. Wann immer sie zu Klassentreffen wieder in die Gegend kommt, nutzt sie die Zeit zu Fahrradtouren durch die schöne Landschaft. Als sie von einer Freundin hört, dass eine 1000-Jahr-Feier ansteht, beschließt sie: „Da schreibe ich was.“

Sabine Groh befragt Menschen, die sie von früher kennt, forscht in Archiven, erhält Unterstützung vom Golßner Chronisten Lars Rose und vom Niederlausitz-Museum in Luckau. Zudem nimmt sie Kontakt zu Nachfahren der einst ansässigen Adelsfamilien auf. „Bei allen bin ich auf eine große Bereitschaft gestoßen, etwas über sich zu erzählen“, stellt die Autorin fest.

Zu den emotionalsten Episoden gehören die Erinnerungen von Günter, dem Bruder ihrer besten Freundin. Er erzählt, wie er als zehnjähriger Junge die russischen Besatzer in seinem Elternhaus erlebte, wie nachts im Keller die Frauen vergewaltigt wurden und wie sein Vater beinahe erschossen worden wäre, weil die Rotarmisten Munition für ein Kleinkalibergewehr entdeckten, mit dem er früher auf Spatzen gezielt hatte. „Günter und ich haben drei Abende lang zusammengesessen, er hat sich all das von der Seele geredet“, sagt Sabine Groh.

Andere Zeitzeugen erinnern sich an die Zwangskollektivierung in der Landwirtschaft in den 1950er Jahren. Eine besondere Form der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) war dabei nur im Dorf Zützen zu finden – die „LPG der frommen Brüder“. Die Autorin beschreibt die Gründer als eine Handvoll Bauern, die mutig sonntags zum Gottesdienst gingen, im Kirchenvorstand und in Gemeindeabenden präsent waren, ihre Meinung trotz politischem Druck frei äußerten.

Kompromisslos prangert Sabine Groh die politischen Zustände in ihrer ostdeutschen Heimat an, erinnert aber auch an Menschen, die sich mutig für ihr Dorf einsetzten. Einer davon: Günter André, damals der jüngste Bürgermeister im Kreis. Als einem Nachbarn auf einen Schlag sieben Kühe sterben, rettet der Bürgermeister den Bauern vor dem gefährlichen Vorwurf der Sabotage. „Mancher Leser, der nicht im Osten Deutschlands aufgewachsen ist, wird vielleicht erst nach der Lektüre dieses Buches verstehen, warum der Osten anders ist und wieso es schwerfällt, die Einheit Deutschlands wirklich zu vollziehen“, heißt es in einer Rezension von Gunter Schmidt.

Bei allem zieht sich die Liebe zur Heimat durch das Buch wie ein roter Faden. Für Juni hat Sabine Groh schon den nächsten Urlaub hier geplant. Gern bietet sie auch Lesungen in Zützen oder Golßen an. Erhältlich ist ihr Taschenbuch im Internet bei Amazon zum Preis von 6,41 Euro.