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Neue, fremde Heimat Luckau

Ihre Fluchtgeschichten erzählen in der Theaterloge auch Dora Grünke (4.v.r.) die als Kind aus Schlesien kam, sowie der Iraner Hamed Asrami (r.)
Ihre Fluchtgeschichten erzählen in der Theaterloge auch Dora Grünke (4.v.r.) die als Kind aus Schlesien kam, sowie der Iraner Hamed Asrami (r.) FOTO: be
Luckau. Dora Grünke war ein kleines Mädchen, als sie mit Mutter, Großmutter und Bruder die Heimat nahe Zielona Gora in Schlesien verlassen musste und in Cahnsdorf bei Luckau landete. "Per Zuweisung von den Behörden, die im Juli 1945 schon wieder arbeiteten", erzählt sie. Carmen Berg

Hamed Asrami, Sohn einer streng gläubigen Moslemfamilie, konvertierte zum Christentum und wurde in seiner Heimat verfolgt. Sein Weg führte aus dem Erstaufnahmelager in Eisenhüttenstadt über Königs Wusterhausen in die Luckauer Gemeinschaftsunterkunft An der Schanze, wo er noch immer wohnt. Ali Tamari, ein syrischer Ingenieur, bekam nach der Geburt seiner kleinen Tochter die Chance, aus der Unterkunft in KW in eine Wohnung in Luckau zu ziehen. Wie war es, in der Fremde anzukommen? Wie kommt man klar in einem völlig neuen Umfeld? Das will Gerd Kaufmann vom Verein "Mensch Luckau", Moderator der Gesprächsrunde, wissen.

"Ich hatte zuerst Angst. Ein neuer Platz, neue Sprache und ich verstehe nicht, was die Menschen reden", sagt Ali Tamari. Doch die Familie sei nett aufgenommen worden, habe viel Unterstützung erfahren. Beeindruckt habe ihn, dass hier Menschen etwas für andere tun, ohne Geld zu bekommen. Auch Hamed Asrami erinnert sich dankbar an die Hilfe bei Alltagsdingen und Behördengängen, die er von der Luckauerin Simone Sikorski oder auch von der Kirchengemeinde bekam.

Für Dora Grünkes Familie war es vor 70 Jahren das Wichtigste, dass sie auf dem Bauernhof in Cahnsdorf regelmäßig zu essen sowie Betten hatten, die sie sich zu zweit teilten. "Das Dorf hatte 380 Einwohner und 200 Flüchtlinge", sagt sie. Die Schlesier hätten anders gesprochen als die Einheimischen. Eine Tasse hieß bei ihnen "Tippel", was zu Hänseleien führte. Doch später, in der Schule, habe sie sich nicht ausgegrenzt gefühlt. "In der Klasse waren die Hälfte Flüchtlingskinder", erinnert sich Dora Grünke.

Sie weiß aber noch, wie die Erwachsenen die Kinder ermahnten, leise zu sein, nicht aufzufallen. Die Mutter habe von morgens um sechs bis abends um acht in der Landwirtschaft mitgearbeitet, nur Sonntag nachmittags hatte sie frei und flickte unsere Sachen." Manche Sorgen der Erwachsenen habe sie sicherlich als Kind nicht mitbekommen, räumt Dora Grünke ein. Ihr aus Ostpreußen stammender Mann, der in Mecklenburg aufwuchs, habe viel schlechtere Erfahrungen als sie gemacht. Gesprächsgast Lothar Treder-Schmidt berichtet, wie noch in den 1950er Jahren in Berlin Alteingesessene ihren Kindern verboten, mit Flüchtlingen zu spielen, die sie "verkommenes Pack" nannten.

Für den Iraner Hamed Asrami war in Deutschland vieles neu: Dass die Leute einfach so zum Bürgermeister gehen können und Frauen in allen Berufen arbeiten dürfen. "Eine Frau, die einen Bus fährt": auch für Syrer Ali Tamari in seiner Heimat nicht vorstellbar.

Er ist heute nicht mehr in Luckau, zog nach Goslar um. Das sei ihm schwer gefallen, denn er habe gern in der Gartenstadt gewohnt. "In einer Kleinstadt ist es leichter, Kontakte zu knüpfen." Doch in Goslar konnte er vom ersten Tag an einen Integrationskurs besuchen und Deutsch lernen. In Luckau gebe es dafür zu wenig Möglichkeiten, die Leute müssten bis Lübben und Königs Wusterhausen fahren. "Um sich in eine neue Gesellschaft zu integrieren, muss man nicht wie ein Deutscher werden, aber die Sprache sprechen und die Kultur verstehen", sagt Ali Tamari. Inzwischen ist sein Abschluss als Wirtschaftsinformatiker hier anerkannt. Auf die Frage von Gerd Kaufmann nach seinen Zukunftsplänen sagt er: "Ich gehe dorthin, wo ich einen Job finde, egal wo."

Die Sprache besser lernen, das will auch Hamed Asrami. Er sei seit zwei Jahren in Deutschland, noch immer in der Gemeinschaftsunterkunft. "Ich hatte viele Ideen, was ich machen möchte. Doch jetzt sitze ich die meiste Zeit auf meinem Zimmer und weiß nicht, was wird", erzählt er. Bürgermeister Gerald Lehmann (parteilos) sagt, Gesetze müssten zwar eingehalten werden, doch es sollte pragmatische Lösungen für Menschen geben, die Fuß fassen wollen. In und um Luckau gibt es vergleichsweise viele Flüchtlinge und Asylbewerber. "Warum müssen sie weit zu Kursen anreisen. Einfacher wäre es, ein Lehrer käme nach Luckau", erklärt er.

Dora Grünke, gefragt nach ihrem Rat für gute Integration, sagt: "Ankommen braucht Zeit. Man darf keine großen Dinge erwarten. Und eine gewisse Dankbarkeit gehört ebenfalls dazu."