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Malerei
Kunst und wie man sie falsch versteht

Jenny Theiler
Jenny Theiler FOTO: Sebastian Schubert / LR
Luckau.

Elternabend in einer Waldorfschule: Die Klassenlehrerin bittet alle anwesenden Eltern in die Pausenhalle, um die selbstgemalten Bilder ihrer Sprösslinge zu begutachten. Mit hochinteressierten Mienen und exzentrischen Gesten diskutieren die Eltern untereinander - jeder davon überzeugt, dass sein Kind der nächste van Gogh sei. Ein düsteres Bild, mit dem Titel „Nacht“, sorgt für besonders hitzige Diskussionen. Die kulturbegeisterten Eltern des jungen Künstlers meinen, eine besorgniserregende Faszination für den Tod im fast vollständig geschwärzten Werk ihres Zwölfjährigen zu entdecken. Zu Hause angekommen, wird der Sohn mit der Interpretation seiner verstörenden Malerei konfrontiert. Auf die Fragen, ob sich hinter der düsteren Farbgebung, der aggressiven Pinselführung und dem expressionistischen Gesamtstil ein morbider Hilfeschrei verberge, antwortet der verwirrte Junge: „Nein! Es war einfach nur stockduster, als ich es gemalt habe.“ Jenny Theiler

(the)