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| 16:59 Uhr

Wie zu Großmutters Zeit
Auf Mehlsdorfer Dorfplatz heißt es: Rühren, Rühren, Rühren

 In einer Reihe waren die Waschkessel wieder auf der Mehlsdorfer Festwiese aufgestellt. Ohne Unterbrechung musste das Mus darin bewegt werden. Auch Monika Köhler und Annette Jahn (v.l.) rührten fleißig mit.
In einer Reihe waren die Waschkessel wieder auf der Mehlsdorfer Festwiese aufgestellt. Ohne Unterbrechung musste das Mus darin bewegt werden. Auch Monika Köhler und Annette Jahn (v.l.) rührten fleißig mit. FOTO: Birgit Keilbach
Mehlsdorf. Einwohner kochen zum achten Mal Pflaumenmus wie zu Großmutters Zeiten. Von Birgit Keilbach

Das beschauliche Mehlsdorf hat sich am Samstag wieder in eine Pilgerstätte verwandelt. Rund 1500 Pflaumenmusfans aus der Region und darüber hinaus bevölkerten den Festplatz am Dorfeingang. Der rund 130 Einwohner zählende Ortsteil der Gemeinde Ihlow mit seinen 36 Mitgliedern des Traditionsvereins Wolfstein hatte zum achten Mal sein Pflaumenmusfest organisiert.

Zehn mit Holz beheizte Waschkessel standen in einer Reihe – in allen brodelte es den ganzen Tag lang ordentlich. Damit das Pflaumenmus beim Eindampfen nicht anbrennt, muss es stundenlang ununterbrochen mit der Muskrücke gerührt werden. Regelmäßig wechseln sich die Mehlsdorfer dabei ab.

Monika Köhler hat die Krücke gerade wieder abgegeben. „Etwa acht Stunden dauert das Muskochen und das Rühren ist kräftezehrend. Deshalb gibt es alle zwei Stunden einen Wechsel“, erzählt Monika Köhler. Besonders kritisch sei die letzte Stunde, wenn das Mus immer fester werde. Fertig sei der leckere Obstbrei, wenn er am Löffel kleben bleibe und beim Abfüllen zähflüssig in den Eimer fließe. „Dann hat das Pflaumenmus die richtige Farbe und Konsistenz“, weiß Reiner Hannemann. Er hat das ständig im Blick, geht mit dem Schaber von Kessel zu Kessel und schiebt das Mus immer wieder vom Rand aus hinein.

Viele Hände werden für das jährliche Pflaumenmusfest gebraucht. „Etwa 14 Tage vorher geht es mit dem Pflaumenpflücken los“, erzählt Gerhard Rändel. Die Pflaumenbäume im Dorf reichen dafür nicht aus. Überall in der Umgebung werden die blauen Früchte von den Bäumen geholt. Inzwischen melden sich schon Leute aus den Nachbardörfern, wo die Mehlsdorfer pflücken kommen können. „1,3 Tonnen Pflaumen haben wir am Freitag ausgesteint. Rund 45 Leute waren wir, das ganze Dorf, Freunde, Bekannte, Leute aus den Nachbardörfern kamen zum Helfen“, sagt Monika Köhler. Die Männer stellten die Kessel, die Zelte, die Tische und Bänke auf, das seien nochmals rund 20 Helfer gewesen.

Zum Ereignis in dieser Größenordnung hat sich das Pflaumenmusfest allmählich entwickelt. „Beim ersten Musfest standen fünf Kessel auf der Wiese, später wurden es acht und nun sind es zehn“, berichtet Monika Köhler.

Zahlreiche Besucher blickten den Musrührern bei ihrer anstrengenden Arbeit zu. Manche kennen diese Tradition noch aus ihrer Kindheit. Andere staunten, welchen Aufwand diese Art der Herstellung macht.

Die Wartezeit auf die Gläser mit dem fertigen Pflaumenmus konnten sich die Gäste bei Blasmusik mit Tanz, Schwätzchen sowie Kaffee und frischem Kuchen vertreiben. Joachim Bau war mit seiner Frau extra aus einem kleinen Dorf nahe Magdeburg gekommen, um das mitzuerleben. Sein Bruder habe ihn darauf aufmerksam gemacht. „Ich kenne das Muskrücken noch von früher in unserem Haus in Kloster Zinna. Solche Traditionen müssen erhalten bleiben. Die Einwohner hier stellen dafür ganz schön was auf die Beine“, sagte er anerkennend.

Seine Frau stand indes in der Reihe der Wartenden, die am späten Nachmittag zusehends wuchs. Sie mussten sich dieses Jahr etwas länger gedulden, denn erst gegen 17 Uhr war das Mus im ersten Kessel fertig. Jetzt bekamen die 17 Frauen und Männer im Abfüllzelt alle Hände voll zu tun.

Mus mit dem Löffel in die Gläser füllen, Deckel drauf, Glas auf den Kopf stellen, wieder umdrehen, Serviette drauf und Gummi drum. Alles Handarbeit. „Es ist eine ziemlich heiße Angelegenheit“, sagt Monika Hannemann, die zur jüngeren Generation der Mehlsdorfer zählt. Merle Molkenthin aus Berlin hilft dieses Jahr zum ersten Mal mit. „Ich finde, es ist eine schöne Gemeinschaftsaktion.“ Am schönsten sei es am Morgen, wenn das Rühren um sieben Uhr beginnt. „Das war herrlich heute, in der Ruhe bei Sonnenaufgang“, schwärmt Monika Hannemann. 

 In einer Reihe waren die Waschkessel wieder auf der Mehlsdorfer Festwiese aufgestellt. Ohne Unterbrechung musste das Mus darin bewegt werden. Auch Monika Köhler und Annette Jahn (v.l.) rührten fleißig mit.
In einer Reihe waren die Waschkessel wieder auf der Mehlsdorfer Festwiese aufgestellt. Ohne Unterbrechung musste das Mus darin bewegt werden. Auch Monika Köhler und Annette Jahn (v.l.) rührten fleißig mit. FOTO: Birgit Keilbach