ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 11:00 Uhr

Marienkult unter Lausitzer Kiefern

Biebersdorf. "Dort ist der Mönchsfriedhof!", sagt Christina Orphal und weist auf eine Kuppe im hügeligen Gelände des Marienbergs. Ratlos schauen der Fotograf und ich hinauf. Etwas mehr als nur Kiefern, birkenstümpfe und Heidekraut hätten wir schon erwartet. In den folgenden Stunden mit der Direktorin des Stadt- und Regionalmuseums Lübben wird uns das noch einige Male passieren. Und doch werden wir bei dieser Suche nach Spuren der einstigen Wallfahrtsstätte, die der Marienberg war, von ihr überzeugt: "Das ist ein besonderer Ort", wie es Christina Orphal formuliert. Von Dörte Hellwig

Als das Team des Stadt- und Regionalmuseums Lübben das Thema "Heiligenverehrung in der Niederlausitz" in Angriff nahm, habe sie sofort an den Marienberg gedacht, erinnert sich Christina Orphal. Dort müsste sich etwas entdecken lassen. "Als alte Bodendenkmalpflegerin hat man das im Blut", sagt sie und lacht. Im April sei sie durch das hügelige, bewaldete Gelände gestreift. Seitdem sei sie vom Marienberg begeistert, von den Ausblicken, die er bietet, und von seiner Vergangenheit, von der er nicht viel preisgibt. "Dass diese Stelle Mönchsfriedhof heißt, ist durch eine Forstkarte schriftlich belegt und auch mündlich durch alte Biebersdorfer", erzählt Christina Orphal. Sie schaut zur Sonne, streckt die Arme in Ost-West-Richtung aus. "So müssen die Gräber angelegt gewesen sein. Sicherlich hatten sie Holzkreuze. Deshalb ist hier nichts mehr von ihnen zu sehen." Wie der Name sagt, muss der Marienberg ein Ort der Marienverehrung gewesen sein. Diese sei in Frankreich entstanden "und mag hier in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts angekommen sein", erklärt die Museumsdirektorin. Das Vorwerk am Fuß des Berges, wo jetzt die Revierförsterei ist, und die Kapelle auf der Bergspitze sollen eine Tochtergründung der Marienkapelle auf dem Lübbener Frauenberg gewesen sein. Christina Orphal glaubt, dass der Marienberg bereits in vorchristlicher Zeit eine Stätte der Götterverehrung war. Denn als solche dienten besondere Orte wie Quellen oder eben Berge, weil sie in der Lausitz selten sind. Dass Kreuze aus Holz auf dem Mönchsfriedhof verwendet worden sind, falls es ihn gegeben hat, bestätigt Martin Gerlach indirekt. Er wohnt mit seiner Familie auf dem Gehöft neben der Revierförsterei. "Als Kinder sind wir aus Biebersdorf im Winter auf diesen Silber- oder Birkenberg gezogen zum Schlitten fahren. Steine haben wir dort nie gefunden", erinnert er sich. Dass der Birkenberg in Gerlachs Nachbarschaft einst als Friedhof gedient haben soll, haben sie übrigens erst vor einem halben Jahr von Christina Orphal erfahren. "Wir wussten das nicht. Mit der Geschichte des Marienbergs beschäftigen wir uns noch nicht so lange", erzählt Erika Gerlach. "Als junger Mensch interessiert man sich ja leider kaum dafür." Trotzdem steht für sie fest: "Natürlich ist das hier ein besonderer Ort." Aber sie begründet das anders als Christina Orphal: "Wir sind gern hier." Das weitläufige Grundstück , mitten im Wald gelegen, der schöne Garten – ich glaube es der Frau sofort. Ihr Mann führt uns durch den Garten auf eine große, sonnenbeschienene Wiese hinter dem Zaun. Leicht fällt sie an dieser Hangseite des Berges ab. In ihrer Mitte stehen drei große Erlen, eine Weide und ein Birnbaum. Unter ihnen ist ein Loch. Das soll die ausgetrocknete Marienquelle sein, erklärt Christina Orphal, während der Fotograf und ich skeptisch in die schwarze Vertiefung gucken. Das Monster aus der Senke Martin Gerlach gibt der Museumsdirektorin Rückendeckung: "Bis in die 80er Jahre war hier Wasser drin", versichert er. "Das floss von hier in der Mitte des Hangs, wo die leichte Senke fast nur zu ahnen ist, hinunter zu den Weiden", erklärt er. Was die 80er Jahre betrifft, sind sich Gerlachs ganz sicher. "Denn damals hatten wir den Oskar. Der ist immer hier in den Modder gegangen und hat dann ausgesehen wie der Hund von Baskerville", erzählt Martin Gerlach und lacht bei der Erinnerung. Von Gerlachs am Fuß des Berges fahren wir auf dessen Spitze. Rund einen Kilometer lang ist der Plattenweg, der hinaufführt. In den zwei, drei Kurven witzeln wir über diese "Serpentinen". Wir parken vor dem Tor des Bundeswehrgeländes. Das liegt genau auf der Spitze des 110 Meter hohen Marienbergs. Früher soll hier eine Marienkapelle gestanden haben. Bislang hat Christina Orphal keine schriftlichen Zeugnisse über sie gefunden. Aber nachweislich sei der Marienberg im 18. Jahrhundert als Weinberg genutzt worden. Auf einer Karte aus dieser Zeit sei auf ihm ein Weinberghaus eingezeichnet gewesen. "Von seiner Namensgebung her hätte der Marienberg den gleichen Weg nehmen können wie beispielsweise der Weinberg Neu Zauche", sagt Christina Orphal. Dass der einst auch eine andere Bedeutung hatte, vielleicht ebenfalls eine Art Heiligtum war, darauf ließen auf ihm gemachte Depotfunde aus der Bronzezeit schließen. Mitten in Brennesseln, durch die wir Frauen in unseren Röcken mit "huch" und "hach" stelzen, sagt Christina Orphal: "Die Mönche hier hatten es bestimmt gut – falls tatsächlich welche hier waren." Ich schaue sie fragend an. "Naja, sie haben Wein angebaut, haben die Abgaben aus den Dörfern bekommen, und der Wald hier war bestimmt schön urwüchsig." Jetzt ist er von Kiefern geprägt. "Der Marienberg ist eine trockene Gegend. Oberirdisch gibt’s nur Sand, und bis zum Grundwasser ist es weit", erklärt mir später Forstoberinspektor Peter Liesegang. "Wenn man durch den Wald geht, hat man schon den Eindruck, dass es sich um eine Kiefern-Monokultur handelt. Aber wenn man sich im Frühjahr und im Herbst dem Höhenzug nähert, wenn die Birken grünen oder sich färben, sieht man auch sie." Nach dem Mönchsfriedhof auf dem Birkenberg, der Marienquelle hinter Gerlachs Gartenzaun und der Bergspitze, wo einst möglicherweise eine Marienkapelle, auf alle Fälle aber ein Weinhaus stand, steuern wir einen vierten Punkt an. Dessen Name lautet Wunderblume. Erika Gerlach führt uns über mehrere Waldwege zu ihm. Wunderbarer Aussichtspunkt Sie erzählt uns, wie dieser Ort zu seinem Namen kam: "Hier hat es nie Wasser gegeben. Aber in dem Garten blühte erstaunlicherweise immer alles wunderbar." Wir hören ihr zu, pflücken Pflaumen und lassen sie uns schmecken. Doch, der Marienberg ist ein besonderer Ort – aus unterschiedlichen Gründen: Weil er ein Höhenzug inmitten einer platten Landschaft ist. Weil es sich unter seinen Kiefern schön wandern lässt. Weil das Wenige, was bislang über seine Geschichte bekannt ist, noch mehr Entdeckenswertes vermuten lässt. Und weil die auf ihm wachsenden Pflaumen schmecken.