| 14:06 Uhr

Reformation hautnah
Luthers Thesenanschlag in Luckau

Die Zuschauer können Martin Luther und seinen Weggefährten von Szene zu Szene folgen.
Die Zuschauer können Martin Luther und seinen Weggefährten von Szene zu Szene folgen. FOTO: Birgit Keilbach
Luckau. Die Altstadt wird zur Bühne. Pastorenbilder werden im Gottesdienst enthüllt.

 Luckaus neuer evangelischer Pfarrer Martin Meyer ist Theater gewohnt. Im besten Sinne, denn er hat in seinen früheren Gemeinden gern bei der Aufführung christlicher Stücke Regie geführt. Zum ersten Mal wechselt er am Reformationstag die Seiten. Beim traditionellen Lutherspiel unter freiem Himmel spielt er die Hauptrolle – Martin Luther. „Das wird eine ganz spannende Erfahrung“, freut sich der Seelsorger auf die Herausforderung.

 Nach dem Abschied des Luckauer Pfarrerehepaares Kerstin und Volker Strauch, die bislang den Reformator und seine Frau verkörpert hatten, sowie des Golßener Seelsorgers Martin Nikolitsch als Luthers Weggefährte Philipp Melanchthon sind Stamm-Akteure weggefallen. Deshalb machte sich anfangs Sorge breit, die Tradition könnte ausgerechnet im 500. Jubiläumsjahr der Reformation verloren gehen. Doch sie lebt weiter. Engagierte Nachfolger übernehmen den Staffelstab.

So wird als Melanchthon Martin Pietsch, Pfarrer der Partnergemeinde aus Koblenz, zu erleben sein. Langengrassaus Seelsorger Frank Gehrmann spielt wie gewohnt Johannes Bugenhagen. Daneben schlüpfen viele Mitstreiter der Kirchengemeinde und der Koblenzer Partner sowie aus Stadt und Umland in größere und kleinere Rollen. Superintendent Thomas Köhler verkörpert Friedrich den Weisen, Luckaus Bürgermeister Gerald Lehmann den Bürgermeister von Wittenberg.

Den Anstoß zu dem Lutherspiel gab einst Katechetin Carola Graßmann, die es schade fand, dass viele Kinder am 31. Oktober nur noch an Halloween denken. Mit dem Nachwuchs aus der Gemeinde führte die Katechetin 2010 das erste Lutherspiel auf. Seit 2011 gibt es das Reformationsspiel in seiner heutigen Form. Inzwischen kommen Gäste von weit her, um den Feiertag auf die besondere Art zu begehen.

Wobei das Begehen wörtlich zu nehmen ist. Denn nach einem Gottesdienst um 10 Uhr in der Nikolaikirche werden Straßen und Plätze zur Bühne. Im Mittelpunkt steht diesmal der Ablasshandel, der für Luther Auslöser war, gegen die bestehende Kirche zu rebellieren. „Nicht das Streben nach Wiedergutmachung der Sünden brachte ihn auf, wohl aber die Form, die Blüten trieb. So sollten sich Menschen mit Ablassbriefen auch für kommende Sünden freikaufen können oder sogar für das Seelenheil Verstorbener bezahlen“, erklärt Martin Meyer.

An verschiedenen Stationen von der Nikolaikirche über den Töpfermarkt, den Mönchhof und den Marktplatz wird die bewegte Zeit vor 500 Jahren noch einmal lebendig. Die Zuschauer können Diskussionen Luthers mit seinen Gefährten verfolgen und in Marktszenen hören,  wie das einfache Volk dachte, kündigt Martin Meyer an.

Höhepunkt wird Luthers Anschlag der 95 Thesen an die Tür der Wittenberger Schlosskirche sein, die in Luckau an den Schlossberg verlagert wird. Dort klingt das Open Air dann auch mit einem gemeinsamen Mittagessen aus der Gulaschkanone aus, bei dem Akteure und Besucher miteinander ins Gespräch kommen können, lädt Martin Meyer ein.

Dem Theaterspiel voraus geht ein erster Höhepunkt schon beim Gottesdienst. Zehn historische Gemälde aus der Nikolaikirche, darunter acht Bildnisse früherer Luckauer Pastoren, die viele Jahre im Landesamt für Denkmalpflege gelagert hatten, sind mit Förderhilfe und vielen Spenden restauriert worden. Sie werden am Sonntag enthüllt. Aufnahmen der Bilder vor und nach der Restauration sollen gezeigt werden.

Auffällig seien Schäden an den Gesichtern der Porträtierten gewesen, die wohl mutwillig herbeigeführt wurden. Ob das während der Belagerung Luckaus durch Napoleonische Truppen passierte, wie manch einer vermutet, lasse sich jedoch nicht sagen, so Martin Meyer. Er freut sich, dass die Heimkehr der Schätze eine seiner ersten größeren Amtshandlungen in seiner neuen Gemeinde ist. „Ohne die Spenden vieler Menschen wäre das nicht möglich gewesen, deshalb ihnen allen an dieser Stelle ein großes Dankeschön“, sagt der Pfarrer. Das Luckauer Konzept, Straßen und Plätze als Bühne zu nutzen, finde er toll. „Es bringt die Reformation mitten in die Gesellschaft.“

(be)