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| 15:22 Uhr

Integration
Luckauer Oberschüler zeigen Courage

Oberschüler basteln mit ihren Gästen. Viele deutsche und ausländische Eltern und Geschwister folgten der Einladung, sich selbst ein Bild vom Zusammenleben an der Schule zu machen.
Oberschüler basteln mit ihren Gästen. Viele deutsche und ausländische Eltern und Geschwister folgten der Einladung, sich selbst ein Bild vom Zusammenleben an der Schule zu machen. FOTO: LR / Carmen Berg
Luckau. Gewaltakte zweier Flüchtlinge lassen Schüler zusammenrücken. Sie wollen gutes Miteinander nicht aufgeben und starten ein Projekt gegen Rassismus. Von Carmen Berg

In der Oberschule „An der Schanze“ herrscht am Spätnachmittag reges Treiben. Viele Eltern sind der Einladung gefolgt, sich selbst ein Bild vom Klima an der Einrichtung zu machen. Nach Gewaltattacken zweier junger Tschetschenen gegen ihre Mitschüler kämpft die Schule um ihren Ruf. Es geht um den Fortbestand eines bis dahin guten Miteinanders. Vor diesem Hintergrund stellen Schüler den Eltern ein Projekt vor, das sie in Angriff nehmen wollen. Die Luckauer machen mit bei der Initiative „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage“.

Seit Herbst 2015 ist es in den Klassenräumen bunter geworden. Junge Flüchtlinge aus Luckau, Zützen und Walddrehna lernen neben deutschen Kindern. Von den 240 Oberschülern hat etwa jeder Sechste einen Migrationshintergrund.

Die Integration sei angesichts einer knappen Personaldecke eine Herausforderung, räumt die stellvertretende Schulleiterin Kathrin Nauert ein. „Doch wir hatten uns gut auf den Weg gemacht, auch dank vieler Gespräche mit Schülern und Eltern“, sagt sie und sieht jetzt mühsam Aufgebautes in Gefahr.

Bei insgesamt drei Übergriffen hatten die beiden tschetschenischen Jungen ihre Opfer gewürgt und brachial getreten: „aus nichtigem Anlass, ohne, dass Auseinandersetzungen vorausgegangen waren“, wie Kathrin Nauert sagt. Die Einrichtung schaltete Polizei, Jugendamt und Schulbehörden ein. Doch der Schaden in der Außenwirkung war enorm.

„Wir stellen fest, dass Eltern vermehrt fragen, wie viele Flüchtlingskinder es an der Schule gibt und ihre Kinder dann woanders anmelden“, sagt Ilona Kadach, Mitglied der Schulleitung und Beraterin der Schülersprecher. An dem Abend wollen Lehrer und Schüler den Eltern zeigen, dass zwei schwarze Schafe nicht für die übergroße Mehrheit an der Schule stehen.

„Es ist beschämend, was passiert ist. Ich will zeigen, wir sind nicht alle so“, sagt Mustafa aus Syrien. Der Zehntklässler kam vor drei Jahren unbegleitet nach Luckau, spricht fließend Deutsch, will am Oberstufenzentrum in Lübben sein Abitur machen und später Politikwissenschaft studieren. Im Brandenburger Landtag hat er ein Praktikum absolviert. „Die Lehrer haben mir sehr geholfen, sie sind jederzeit für mich da“, sagt er.

Neuntklässlerin Sirina aus Syrien ist mit der Lübbenauerin Dshamilja befreundet. „In unserer Klasse ist ein guter Zusammenhalt, wir schließen niemanden aus“, sagt Dshamilija. Die Mädchen treffen sich auch mal in der Freizeit. „Dass ich eine andere Religion habe, ist dabei kein Problem“, erzählt Sirina. Sie will Architektin werden und „später meine Heimat wieder aufbauen“.

Zehntklässlerin Masuda aus Afghanistan geht zum neuen Schuljahr nach Lübben, um ihr Fachabitur zu machen. Sie hat das Grips-Stipendium gewonnen, mit dem die Joachim-Herz-Stiftung begabten und motivierten Schülern hilft, Hindernisse durch ihre soziale Herkunft zu überwinden. Neben finanzieller Unterstützung gehört dazu die Teilnahme an Bildungsangeboten sowie Beratung beim beruflichen Werdegang. „Ich fühle mich an der Luckauer Schule wohl und werde das alles sehr vermissen“, sagt die Zehntklässlerin.

In einigen Klassen laufe die Integration richtig gut, manchmal lebten deutsche und ausländische Schüler auch nebeneinander her. Aggressive Ausfälle gegeneinander hatte es aber bis dahin nicht gegeben, sagt Kathrin Nauert. Das Projekt „Gegen Rassismus, mit Courage“, das von der Regionalen Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie (RAA) koordiniert wird,  soll die Schüler stark machen, bei Problemen nicht wegzusehen und Wege aufzeigen, wie Konflikte ohne Gewalt zu lösen sind, so die stellvertretende Schulleiterin.

Das Besondere: Die Schüler entscheiden selbst über das Konzept und über Vorhaben, die sie gemeinsam umsetzen wollen. In einem ersten Schritt müssten 70 Prozent der Schüler und Lehrer zum Mitmachen gewonnen werden. „IWir werden das schaffen“, davon geht Pädagogin Ilona Kadach fest aus. Weiter geht es darum, prominente Paten zu gewinnen, die die Initiative unterstützen. Die Vorbereitungen laufen, in die konkrete Umsetzung geht es im neuen Schuljahr.

Flankiert wird dieses Vorhaben von einem weiteren Projekt. Die Luckauer wollen auch „Faire Schule“ werden. Der Umgang miteinander ist dabei ein Baustein. Gefördert werden sollen außerdem Fairness gegenüber den Menschen überall auf dem Globus sowie ein faierer Umgang mit der Umwelt. Diese Themen werden als feste Bestandteile in den Lehrplan eingebaut, sagt Kathrin Nauert. „Es war ein unschöner Anlass, der die Initiativen ausgelöst hat,  doch mit guter Zukunftswirkung“, davon sind die stellvertretende Schulleiterin und ihre Kollegin Ilona Kadach überzeugt.

Masuda aus Afghanistan, hier mit der stellvertretenden Schulleiterin Kathrin Nauert,  hat für den Nachmittag der Projektvorstellung ihre Festtagstracht angezogen, die sie nur zu besonderen Anlässen trägt.
Masuda aus Afghanistan, hier mit der stellvertretenden Schulleiterin Kathrin Nauert, hat für den Nachmittag der Projektvorstellung ihre Festtagstracht angezogen, die sie nur zu besonderen Anlässen trägt. FOTO: LR / Carmen Berg